Die Erstsemester-Odyssee

CAU Erstsemester Winter 2012

Foto: bos/KN

Auch die Größten haben ganz klein angefangen: Eine Weisheit, die jedes Jahr aufs Neue zum Leitmotiv eines jeden Erstsemesterstudenten wird. Denn für die meisten Neulinge ist der Studienanfang eine vollkommen fremdartige Herausforderung, die nicht immer leicht zu meistern ist. Ich selbst bin da keine Ausnahme.

Immerhin hatte ich noch das Glück, nach meinem Abitur ein Jahr im Ausland  verbringen zu können, bevor ich mich dem fremden Kosmos „Universität und Studium“ widmen musste. Für viele andere ist es allerdings das erste Mal, dass sie direkt nach der Schule aus dem gut behüteten Familiennest ins kalte Kieler-Studentenleben geworfen werden. Und leider ist Kiel oft nicht nur kalt, sondern auch nass, insbesondere im Winter – eine scheinbar ewig andauernde Zeit, zu der die meisten angehenden Studenten in den hohen Norden ziehen.

Der Kampf mit dem norddeutschen Wetter

Anders als die Zugvögel, die in diesem Jahr schlichtweg umkehrten und wieder gen Süden flogen, bleiben sie zwangsläufig und kämpfen tapfer mit dem Wetter, das so wechselhaft und launisch ist wie mein Nachbar, der ein paar Stockwerke über mir wohnt.  Noch vor einem halben Jahr war er mir ebenso  unbekannt wie der stürmische Wind und die Ostsee. Als ich zum ersten Mal das Meer sah, hätte ich fast den Halt verloren. Nicht vor Begeisterung, nein, es war eine Böe, die mich fast vom Fahrrad wehte. Mittlerweile spare ich für eine winddichte Regenjacke, ein gewöhnungsbedürftiges Kleidungsstück, das jeder Nicht-Norddeutsche meist schon nach ein paar Monaten für sich entdeckt und für das ich in meiner Heimat nichts als verwunderte Blicke ernten würde.

Sommer, Sonne, Sonnenschein

Was würden sie daheim dann erst für Augen machen, wenn sie sehen würden, dass wir Kieler Studenten uns bei optimistischen 15°C mit Hot-Pants und Tank-Tops im überfüllten Schrevenpark räkeln? Sommer, Sonne, Sonnenschein: Darauf warten wir hier das ganze Jahr. Und klettert das Thermometer tatsächlich mal auf angenehme Plusgrade, vergessen wir die anstrengende erste Zeit, die uns so viel Mut und Energie gekostet hat. Wie war das noch gleich? Wohnungssuche, Anmeldefristen, unauffindbare Prüfungsämter und viel zu viele Hörsäle, deren Namensträger – Hebbel, Heinrich, Norbert? – dem sogenannten Ersti ebenso viel sagen, wie die zahlreichen Lernplattformen der Universität. QIS, LFS und was zum Teufel ist eigentlich dieses OLAT? Wie erstelle ich meinen eigenen Stundenplan und vor allem, wie schaffe ich es, mir den Freitag vorlesungs- und seminarfrei zu gestalten? Dass die meisten Studentenpartys an einem Donnerstag stattfinden, erfährt das Uni-Greenhorn nämlich eher, als es ihm lieb ist.

Vom DSDS-Casting hinein ins Uni-Labyrinth

Mit all diesen Probleme fühlte ich mich nun konfrontiert und manchmal überfordert. All meine hochgesteckten Ziele, Träume und Wünsche schienen schon bei den ersten WG-Besuchen zu zerplatzen. Die Vorstellungsgespräche erinnerten an DSDS-Castings, nur ohne schlechten Gesang und unerträgliche Dieter-Bohlen-Sprüche. Ich überstand die erste Runde und es folgte der Recall: Die Höhen und Tiefen des Zusammenlebens mit Gleichgesinnten. Parallel dazu  begann der Kampf mit der Universität. Doch schon beim Anblick der offiziellen Internetseite der CAU wurde meine Euphorie jäh gebremst. Die Homepage erweckte schon nach kurzer Zeit den Eindruck, sie wolle die Erstsemesterstudenten schon vor Beginn des Studiums auf ihre Tauglichkeit testen. Denn kaum hatte ich es geschafft, mir durch das digitale Labyrinth einen Weg zu den gewünschten Informationen zu bahnen, öffnete sich ein weiterer Link in den Dschungel der mysteriösen und gleichermaßen zahlreichen Lernplattformen. Mit einem großen Fragezeichen auf der Stirn gab ich schließlich auf und fragte meinen Mitbewohner um Hilfe.

Kopflose Hühner im Audimax

Zwei Stunden später, nachdem es mir endlich gelungen war, im Rahmen aller Anmeldefristen meine Kurse auf drei Wochentage zu verteilen, begab ich mich auf die Suche nach den dazugehörigen Gebäuden, Räumen und Hörsälen. Wie ich feststellen musste, sollte dies kein einfaches Unterfangen werden, da die Universität sich unverschämt weit über die Stadt ausbreitet. Um peinlichem Zuspätkommen entgegenzuwirken, steht der motivierte Ersti grundsätzlich eine Stunde früher auf und nimmt den erstbesten Bus Richtung Universität. Ich muss gestehen, ich war da leider nicht anders. Immerhin verkniff ich mir aufgeregte Ersti-Gespräche, die Studenten höherer Semester generell belächeln. Dabei wissen sie genau, dass auch sie einmal ganz am Anfang standen und wie kopflose Hühner im Audimax um Rat fragten. Und das ist gar nicht schlimm, im Gegenteil. Die ersten Schritte in das neue Leben und alle damit verbundenen Erfahrungen lehren den Studenten ebenso viel wie das Studium selbst. Was genau das ist, wird wohl jeder für sich selbst am besten beantworten können. Ich zum Beispiel, verstehe nun ganz genau, was jemand meint, wenn er oder sie sagt: „Schließlich haben wir alle mal klein angefangen.“

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Kyra Vüllings

Über Kyra Vüllings

Kyra Vüllings ist 21 Jahre alt und Studentin der Christian-Albrechts-Universität. Für ihr Studium in den Fächern Deutsch und Soziologie zog sie im September 2012 nach Kiel. Ursprünglich stammt sie vom Niederrhein, wo „schnacken“ und „lütt“ eigentlich Fremdwörter sind, mittlerweile aber zu ihrem alltäglichen Vokabular gehören. In ihrer Freizeit trifft sie sich gern mit Freunden, geht ins Kino, liest Bücher aller Art oder schreibt eigene Texte und Gedichte.

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