Die Kunst ist tot – Es lebe die Kunst!

Mucksmäuschenstill ist es in der Hansa 48. Vorsichtig, um ja keinen störenden Laut zu machen, nippt der ein oder andere Zuhörer an seinem Bier, die Augen unablässig auf  die Bühne gerichtet. Andächtig lauschen sie einem jungen Studenten, Maximilian Runge, der mit der geübten Stimme eines Geschichtenerzählers seinen Prosatext „Hiob in der Asche“ vorträgt. Maximilian, der Philosophie und Germanistik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel studiert, ist einer der neun Autoren, die im Rahmen des „Schnipsel-Geburtstages“ ihr Können unter Beweis stellen.

Und das tun sie, getreu dem Motto „Die Kunst ist tot – Es lebe die Kunst!“ wahrhaftig: Provokant, witzig, ernst, anders und vor allem grundlegend verschieden sind die Werke, die allesamt begeisterten Applaus ernten. Es ist ein rundum gelungener Abend, der aber nicht allein den jungen Künstlern zu verdanken ist. Sie sind „nur“ die Geburtstagsgäste vom „Schnipsel“, einem Literaturmagazin von Nobodies, wie es liebevoll von seinen Schöpfern genannt wird.

„Kreativität steckt an!“

Der „Schnipsel“ ist ein Herzensprojekt von vier Kieler Studenten, das vor genau einem Jahr seinen Anfang nahm. Durch einen Aushang in der Universität fanden Cihan Köse, Andre Jonas, Nikolai Ziemer und Zara Zerbe zueinander. Was zu Beginn eine Schnapsidee zu sein schien, entwickelte sich rasch zu einem Schauplatz geballter Kreativität. Von der ersten Ausgabe mit rund 50 Auflagen bis zur dritten, die bereits  300 Auflagen zählte, finanzierten die vier alles aus eigener Tasche und hätten sich so einen Abend wie diesen wahrscheinlich kaum leisten können. Doch dank der Unterstützung des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA), ließ sich auch dieser Traum realisieren. Und nicht nur das, der „Schnipsel“ erhielt auch einen ganz neuen Anstrich. Vom hochwertigen Cover mal abgesehen, finden sich nicht mehr nur Texte und Gedichte, sondern auch Bilder in der neuen Ausgabe wieder. Viele dieser Kunstwerke stammen von Studenten der Muthesius-Kunsthochschule und können, ausgestellt pünktlich zur Geburtstagsfeier, ebenfalls in der Hansa 48 bewundert werden. Eines der Bilder, das besonders ins Auge fällt, trägt den Titel „Kamelreiter“. Mit dynamischen Federstrichen gezeichnet, ganz in schwarzweiß gehalten, erinnert es mitten im hohen Norden Deutschlands an die Mystik des Orients. Sie sei von Gustave Doré inspiriert worden, erklärt die Künstlerin, Tabea Stracke. Sie und ihre Freundin, Elena Kruse, sind fasziniert von so viel Ideenreichtum an diesem Abend. „Wenn man sich in so einem kreativen Umfeld aufhält, will man sofort nach Hause und selbst etwas schreiben“, schwärmt Elena. „Kreativität steckt an!“

Viel Arbeit zahlt sich aus

Recht hat sie und ist da nicht die Einzige, die positive Worte über das Projekt „Schnipsel“ verliert. Es sei eine „gute Plattform, um unverbindlich seine Werke vor Leuten zu präsentieren, die es auch zu schätzen wissen“, so der 24-jährige Firat Keskin, der auf der Bühne die Zuhörer mit seinen Gedichten begeistert. Zum Schreiben sei er durch die Musik gekommen. Nicht ganz so musikalisch, dafür aber ebenso sprachlich brillant, ist Hannah Bittner, die sich auch dann nicht aus der Ruhe bringen lässt, als das gutgelaunte Moderatorenteam aus Versehen mitten in ihren Vortrag platzt. Schnipselmitbegründer Cihan Köse und der im AStA engagierte Jannik Niestroy sind es, die ihre Gäste bei Laune zu halten wissen und dabei selbst noch so ihren Spaß haben. „Wir wären am liebsten gar nicht mehr von der Bühne gegangen“, sagt Cihan lachend. Verständlich, erhalten sie doch mindestens genauso viel Applaus wie die Autoren selbst. Und das zu Recht, denn das Organisieren sei „wirklich viel Arbeit“ gewesen, erklärt er. Aber es habe sich gelohnt, denn, wie Jannik ergänzt: „Es war schon echt Sahne“, und sie könnten stolz sein, all die Mühe habe sich wirklich ausgezahlt.

„Das soll nicht der letzte Abend gewesen sein!“

Jedoch ist nun fraglich, wie es weitergeht. Da der AStA jedes Jahr aufs Neue gewählt wird, steht eine weitere Zusammenarbeit mit dem „Schnipsel“ noch in den Sternen. Das Konzept soll sich aber trotzdem entwickeln, in welche Richtung, wird sich zeigen. An einem zukünftigen, weiteren Erfolg des „Schnipsels“ zweifelt nach diesem Abend aber sicherlich niemand mehr. Denn wer es schafft, mit dem talentierten Steffen Finnern oder dem authentischen Duo „Fridtjof Spatz“ das Publikum zum Lachen und wenig später mit Maximilian Runges „Momentaufnahme einer Dystopie“ zum stummen Staunen zu bewegen, hat definitiv Potenzial. Es lässt sich also nur hoffen, dass sich bewahrheitet, was Cihan Köse dem Publikum zum krönenden Abschluss verspricht: „Das soll nicht der letzte Abend gewesen sein!“ Die Zuhörer klatschen zustimmend Beifall. Tatsächlich, bei genauem Hinsehen spiegelt sich in diesem kurzen Augenblick das Motto des Abends in ihren lachenden Gesichtern wider: Es lebe die Kunst!

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Kyra Vüllings

Über Kyra Vüllings

Kyra Vüllings ist 21 Jahre alt und Studentin der Christian-Albrechts-Universität. Für ihr Studium in den Fächern Deutsch und Soziologie zog sie im September 2012 nach Kiel. Ursprünglich stammt sie vom Niederrhein, wo „schnacken“ und „lütt“ eigentlich Fremdwörter sind, mittlerweile aber zu ihrem alltäglichen Vokabular gehören. In ihrer Freizeit trifft sie sich gern mit Freunden, geht ins Kino, liest Bücher aller Art oder schreibt eigene Texte und Gedichte.

Ein Gedanke zu „Die Kunst ist tot – Es lebe die Kunst!

  1. Gudrun Baruschka

    Hallo, bin gerade auf Euch gestoßen und muss mich unbedingt melden. Ich kenne Maximilian Runge, der bei Euch gelesen hat, ich bin s t o l z auf ihn und habe schon lange gesagt, dass er was bewegen wird mit seinem Schreib- und Erzähltalent. Er steckt voll unglaublicher Kreativität und nimmt einen mit auf eine intensive Reise! D i e Tante aus Stendal

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