Wintersonne

Kornfeld in der Sonne

In den himmelblauen Augen des  Jungen spiegeln sich die letzten Strahlen der untergehenden Sommersonne. Sie streicht ihm wärmend über das Gesicht, während der Wind zärtlich durch seine blonden Locken fährt. Obwohl es schon spät ist, hat sich die Luft kaum abgekühlt.

Es riecht nach frisch gemähtem Gras und Mutters Apfelkompott, seinem Lieblingsessen. Barfuß läuft der Junge über den Rasen, quer durch den Garten. Erst langsam, dann immer schneller. Er hat das Weizenfeld erreicht, das sich hinter dem Haus bis zum Horizont erstreckt. Dort bleibt der Junge stehen. Sein wacher Blick huscht über das schimmernde Ährenmeer. Sein goldener Schein zaubert ihm ein kindliches Lachen ins Gesicht. So unbefangen, so frei. Er stürmt los, die Arme weit von seinem Körper gestreckt. Mit den Fingerspitzen streift er den Weizen, der sich ihm ganz selbstverständlich beugt. Insekten erwachen, schwirren träge an ihm vorbei. So unbefangen, so frei. Er rennt ohne anzuhalten. Sein Atem wird schwerer, die Lunge schmerzt vor Lachen. Er kann das Ende des Feldes nicht sehen, nur Weizen und Sonne und Wind in den Haaren. Er muss sich umdrehen, er muss zurückgehen. Sein Vater wartet bestimmt und die Mutter macht sich Sorgen. Sie will ihn doch ins Bett bringen, ihm eine Gutenachtgeschichte vorlesen wie jeden Abend. Warum wagt er nicht, sich umzublicken? Warum hält er nicht an und kehrt heim?

„Opa, was machst du denn hier draußen?“

Das Mädchen mit den Sommersprossen verzog eine sorgenvolle Miene, als sie sich neben den alten Mann ins Gras hockte.

„Mama und Papa haben dich die ganze Zeit gesucht. Wir hatten schon Angst, dir wäre etwas passiert.“

Der Alte blinzelte. Er hatte die runzligen Hände in den Schoß gelegt und starrte mit Augen, die so blau waren wie das Meer, auf den kahlen, toten Acker vor ihm. Das Mädchen wusste, er hatte sie nicht verstanden. Sein Gedächtnis war getrübt, genau wie seine Sicht.

„Komm, Opa, wir gehen rein. Es ist doch viel zu kalt hier.“

In der Tat hatte es in der letzten Nacht gefroren. Die Gehwege waren spiegelglatt, Eisblumen überzogen die Fenster. Das Mädchen zitterte.

„Wo ist denn dein Stock? Hast du ihn wieder irgendwo liegen lassen?“

Da wandte der Großvater seinen Kopf und sah das Mädchen traurig an. Sein Mund öffnete und schloss sich, aber kein Laut sprang ihm von den Lippen. Stattdessen kullerte eine Träne über die gerötete Wange.

„Ist schon gut, Opa. Wir finden ihn schon wieder. Aber jetzt gehen wir rein, ja? Mama wartet mit dem Abendessen auf uns.“

Sie half ihm auf und stützte seinen gebrechlichen Körper den ganzen Weg zum Haus hinauf. Kurz vor der Haustür beugte er sich langsam zu ihr hinab und flüsterte ein leises: „Apfelkompott?“ Das Mädchen lächelte sanft und antwortete, mit einer Spur Mitleid in der Stimme: „Ja, Opa.“ Es schien, als erhellten sich seine Züge für den Bruchteil eines Augenblicks. Dann fiel erneut der Schatten über ihn herein und das Mädchen wusste, er hatte wieder vergessen.

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Kyra Vüllings

Über Kyra Vüllings

Kyra Vüllings ist 21 Jahre alt und Studentin der Christian-Albrechts-Universität. Für ihr Studium in den Fächern Deutsch und Soziologie zog sie im September 2012 nach Kiel. Ursprünglich stammt sie vom Niederrhein, wo „schnacken“ und „lütt“ eigentlich Fremdwörter sind, mittlerweile aber zu ihrem alltäglichen Vokabular gehören. In ihrer Freizeit trifft sie sich gern mit Freunden, geht ins Kino, liest Bücher aller Art oder schreibt eigene Texte und Gedichte.

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