Student, männlich/weiblich, sucht …

Ich tippe die letzten Worte meiner Wohnungsanzeige, drücke auf den „Anzeige erstellen“-Button und lehne mich in meinem Schreibtischstuhl zurück. Hoffentlich meldet sich jemand! Dass ich mir darüber nun wirklich keine Gedanken machen muss, stelle ich Sekunden später fest. Es klingelt das Telefon. Ein Uni-Frischling auf Zimmersuche, der erste, aber längst nicht letzte Bewerber. Langsam, nach fünf Anrufen innerhalb einer halben Stunde, dämmert es mir: Von nun an werde ich keine Freizeit mehr haben. Pausenlos nehme ich Anrufe entgegen, checke meine E-Mails und antworte auf SMS oder Whatsapp-Nachrichten.

Es ist wirklich erschreckend, wie viele Studenten zum Start des Wintersemesters eine neue Wohnung oder ein WG-Zimmer suchen. Das Wetteifern um einen Besichtigungstermin erinnert ein wenig an Wühltischkämpfe beim Sommerschlussverkauf. Kaum ein Jahr ist es her, da gehörte ich selbst zu denen, die mit ausgefahrenen Ellbogen um die besten Plätze buhlten. Jetzt stehe ich auf der anderen Seite, fühle mich wie Xavier Naidoo auf Casting-Tour. Ich habe die Qual der Wahl: Jonas, Kathrin oder Lisa? Immer wieder wundere ich mich über kuriose Selbstbeschreibungen und google aus Langeweile mir unbekannte Namen und deren Bedeutung im Internet. Anfangs habe ich noch meinen Spaß, dann wächst mir die Sache über den Kopf.

Ich starte in die zweite Runde, Besichtigungen stehen an. Jedes Mal, wenn ich die Tür öffne und eine neue WG-Anwärterin begrüße, schwebt eine Spur Mitleid herein. Ich weiß noch genau, wie nervös ich damals war und wie sehr ich hoffte, dass sie sich für mich entscheiden würden. Absagen taten weh und bremsten meine Freude auf eine unbeschwerte Studentenzeit. Jetzt, im Zuge der G8-Generation, ist der Wettbewerb noch härter. Jedenfalls kommt es mir so vor. Viele Bewerber sind noch sehr jung, gerade 19, kommen frisch aus der Schule oder haben soeben einen Auslandsaufenthalt hinter sich. Immer wieder höre ich Anekdoten aus Neuseeland oder Australien. Mittlerweile habe ich tatsächlich das Gefühl, schon selbst einmal dagewesen zu sein.

Während ich mir also die verschiedensten Lebensgeschichten anhöre, mache ich mir Notizen. Zusagen, absagen? Am liebsten würde ich doch allen mein freies Zimmer anbieten! Gut, fast allen. Dass dies jedoch nicht möglich ist, versteht sich von selbst. Deshalb wünsche ich den Suchenden zum Abschied viel Glück und verfluche den Kieler Wohnungsmarkt. Wenn sie die Tür hinter sich zu ziehen, ist mir, als hätte sich die Zeit zurückgedreht und ich wäre es selbst, die die Wohnung verlässt. Doch das habe ich – Gott sei Dank! – alles bereits hinter mir.

Erfolgreich war meine Suche nach den ersten Tagen nicht. Vielleicht stelle ich auch einfach zu hohe Anforderungen an meine Bewerber: Gesellig und umgänglich, kommunikativ und warmherzig sollten sie sein. Ich mag Menschen, die offen für Neues und fremde Menschen sind. Auf gar keinen Fall sollten sie eingebildet sein – das passt nicht zu mir. Doch ich bin mir sicher, irgendwo in den Weiten von wg-gesucht.de wird auch dies zu finden sein. Ich darf nur nicht aufgeben, danach zu suchen.

PS. Mitte September bin ich fündig geworden!

Dieser Beitrag wurde unter Campus abgelegt am von .
Kyra Vüllings

Über Kyra Vüllings

Kyra Vüllings ist 21 Jahre alt und Studentin der Christian-Albrechts-Universität. Für ihr Studium in den Fächern Deutsch und Soziologie zog sie im September 2012 nach Kiel. Ursprünglich stammt sie vom Niederrhein, wo „schnacken“ und „lütt“ eigentlich Fremdwörter sind, mittlerweile aber zu ihrem alltäglichen Vokabular gehören. In ihrer Freizeit trifft sie sich gern mit Freunden, geht ins Kino, liest Bücher aller Art oder schreibt eigene Texte und Gedichte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.