StreetART in Kiel – Mehr Platz für die Kunst unserer Zeit!

 

Es ist ein Sonnabendmorgen, und ich gehe mit einem etwas mulmigen Gefühl und leicht aufgeregt zum Kieler Hauptbahnhof, um mich mit einem mir bis dato unbekannten Graffitikünstler zu treffen.

 

Wir wollen uns vor diesem „World of Coffee“-Laden treffen, aber keiner weiß, wie der andere aussieht. Ich weiß nur: Er ist ein Kollege von einem Kollegen von mir und kommt mit dem Zug aus Hamburg. Da ist er aber nicht der einzige.

Nachdem sich anscheinend rund zehn Ankömmlinge genau da treffen wollen, wo wir uns eigentlich finden sollen, entschließe ich mich dazu, Reisende, die ich vielleicht in die Graffiti-Szene einordnen würde, anzusprechen – so klischeehaft das auch klingen mag.

Glückstreffer. Gleich beim ersten Ansprechen: Bingo!

Meine Anspannung legt sich sogleich, als vor mir nicht ein Schrank eines Mannes steht – mit Tattoos von oben bis unten und einer kleinkriminellen Aura, sondern ein netter junger Mann in meinem Alter. Wir gehen aus dem Bahnhof heraus und lassen uns erst einmal auf einer Sitzbank nieder, um uns zu unterhalten. Er ist auf der Durchreise zu seiner Freundin und hat daher nur wenig Zeit.

 

MONKY sprüht bereits seit zehn Jahren in Kiel und hinterlässt auf jeder seiner zahlreichen Stationen durch Europa ebenfalls mindestens eines seiner Kunstwerke für die Nachwelt.

 

Bild: MONKY

Bild: MONKY

Ursprünglich ist MONKY gebürtiger Kieler und gut vertraut mit der Kieler Szene. Wegen seines Studiums ist er allerdings nach Hamburg gezogen. Er fühlt sich aber nach wie vor in Kiel und seiner heimischen Crew verankert. Dabei hat MONKY schon in Städten wie Lissabon, Kopenhagen, Amsterdam, Prag, Barcelona und London gesprüht. Graffiti sind für ihn ein interkultureller Austausch. Man will anderen Sprayern und Crews zeigen, dass man auch da war, und ebenfalls ein Statement setzen. Es ist eine Form von Kommunikation in der Sprayer-Szene.

 

MONKY selbst ist vom New Yorker „Urban-Style“ stark beeinflusst, sprüht seit jeher nur mit Dosen und verzichtet auf moderne Schablonen und Sticker. Auf die Frage, wie sich die Szene in Kiel darstellt, bekomme ich eine unerwartete Antwort. „Kiel hat eine starke Graffiti-Szene“, die man zwar nicht mit Hamburg oder anderen Großstädten vergleichen könne – „aber in Relation zur Einwohnerzahl muss sich Kiel in puncto Graffiti nicht verstecken“, so MONKY.

Es gibt Facebook-Gruppen, wie „StreetART Kiel“ mit über 6000 Likes und unzähligen Fotos von entdeckten Kunstwerken. Kiel bringt sogar international anerkannte Sprayer wie RAZOR hervor, der sich zum Ziel gesetzt hat, unter anderem die Waggons der Deutschen Bahn aufzuhübschen. Am stärksten vertreten sind in der Graffiti-Szene die sogenannten Writings: Hierbei bilden Schriftform und Name das Basiselement der Graffiti. Es gibt noch viele weitere Graffiti-Styles, wie Scratching, Etching oder rivalisierende Gang-Graffiti bis hin zur modernen Streetart, wie dem Sprühen mit Schablonen.

Bild: MONKY

Bild: MONKY

Kiel ist allerdings stärker in Graffiti als in der momentan populären Streetart“, antwortet MONKY auf die Frage, was er vom anhaltenden Trend der Schablonen-Kunst hält. Wir kommen im Zuge der Diskussion auch auf Banksy zu sprechen, einen britischen Streetart-Künstler, der mit seiner politischen Schablonen-Kunst weltbekannt wurde und eine große Welle an Schablonen-Streetart auch in Deutschland nach sich zog. Wer mehr über Banksy und den Ursprung von moderner Streetart wissen möchte, dem lege ich die Dokumentation „Banksy: Exit through the gift shop“ ans Herz.

Die Leute finden Banksy gut, weil er deutlich etwas Politisches ausdrücken will, und genau das trifft anscheinend den Nerv der Zeit.“ Obwohl alles, also auch Tags sowie Graffiti Streetart sind, finden diese, falls nicht schön bunt und lustig angehaucht, weniger Akzeptanz und Respekt.

Dabei ist laut MONKY Graffiti eigentlich die reinste Form der Kunst und Expression.

Werbung finden wir auch überall, wo wir hingucken, da ist der Mensch aber schon so abgestumpft, dass er diese kaum noch wahrnimmt, während ihm Graffiti ins Auge springen und er diese verurteilt“.

 

Graffiti ist Meinungsfreiheit, wobei Werbung eine Meinung aufdrängen will.

MONKY wünscht sich mehr Freiheiten für Sprayer in Kiel. Es gibt nur einige wenige Spots, an denen die Gesellschaft das Sprayen mit einem zugedrückten Auge duldet – nur befinden sich diese immer außerhalb des Zentrums. Es gibt bekannte Spots in Laboe in und an der alten Schwimmhalle und in Gaarden am Skatepark. Natürlich dort, wo keiner die Werke richtig wahrnehmen muss, wenn er es nicht will. „Kunst ist immer Selbstdarstellung“, sagt MONKY. Warum ist es aber verboten, sich frei mitzuteilen? Warum wird diese reinste Form von Kunst häufig nur als Beschädigung öffentlichen Guts oder als Vandalismus angesehen?

 

Also: Warum in Kiel nur Stadtrand, während andere deutsche Städte wie Bremen mit Auftragsgraffiti Furore machen – nach dem Motto „Wir machen die Stadt bunter“?

 

André Seemund, der Urheber der Facebook-Gruppe „StreetART in Kiel“ , verhandelt momentan mit der Landeshauptstadt und fordert mehr legale Flächen für Graffiti. Doch „die Verhandlungen mit der Stadt laufen sehr schleppend, um es diplomatisch auszudrücken“. Der letzte Stand war eigentlich eine Graffiti-Auftragsarbeit, um im Beisein von Verantwortlichen aufzuzeigen, dass in Graffiti mehr als nur Vandalismus steckt. Doch seit zwei Monaten liegt dieses Projekt nun schon auf Eis, und die Verantwortlichen der Stadt machen sich äußerst rar, so André Seemund. Schade eigentlich, da etwas Farbe unserer Stadt wirklich nicht schaden würde.

Bild: Katrin Burmeister

Bild: Katrin Burmeister (Max-Planck-Schule)

Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, kann überall Kunst entdecken. Auch ich habe mich mit meiner Kamera bewaffnet und nach kleinen Kunstwerken gesucht und bin durchaus fündig  geworden. Also weg vom tristen Alltagsgrau hin zu einer bunteren und aufgeschlossenen Welt!

 

Mehr freie Flächen für mehr freie Kunst!

Was meint Ihr dazu? Schreibt mir Eure Meinung. Ist Graffiti Vandalismus oder Kunst?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Katrin Burmeister

 

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Katrin Burmeister

Über Katrin Burmeister

Katrin Burmeister (25), studiert Geschichte und Philosophie an der CAU. Sie lebt seit fünf Jahren zusammen mit ihrem Freund in Kiel, kommt ursprünglich aus Bordesholm und arbeitet nebenberuflich bei H&M. „Ich bin eine ambitionierte Hobbyköchin, und wären die Arbeitszeiten des Kochs nicht so exorbitant nervig, wäre ich ganz sicher schon im Beruf gelandet.“ Im KN-CollegeBLOG will sie Mensaessen günstig, aber lecker nachkochen und die Rezepte dazu liefern.

5 Gedanken zu „StreetART in Kiel – Mehr Platz für die Kunst unserer Zeit!

  1. Marius

    Naja, Graffiti ist nicht zwingend Kunst oder bunt oder schön. Graffiti ist auch primitiv und egoistisch, indem man seinen Namen plakativ verbreitet, unabhängig davon ob der Betrachter dies nun ästhetisch findet oder nicht. Hauptsache der Name bleibt hängen.
    Es gibt ja viele Versuche Graffiti gesellschaftlich anerkannter zu machen, und teilweise finde ich diese recht putzig: „alltagsgraue Wände bunter machen“… hört sich schön an, aber nüchtern betrachtet gehören diese grauen Wände ja auch jemanden.
    Ich mag Graffiti, aber ich mag diese Romantisierung von Graffiti nicht. Graffiti gehört zu einer Stadt einfach dazu. Genauso wie auch bestimmte Authoritäten die das unterbinden wollen. Zurecht, wie ich meine. Man muss das nicht schönreden.

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    1. at marius

      naja, Werbung „ist auch primitiv und egoistisch, indem man seinen [Firmen-] Namen plakativ verbreitet, unabhängig davon ob der Betrachter dies nun ästhetisch findet oder nicht. Hauptsache der Name bleibt hängen.“

      Und zu Katrins Frage: Graffiti ist natürlich nicht grundsätzlich Kunst, Ölmalerei (z.B.) ist ja auch nicht grundsätzlich Kunst.

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  2. TO

    Ich finde diesen Bericht sehr einseitig. Aber das ist wahrscheinlich auch so beabsichtigt.
    Graffiti stört mich persönlich. Ich bin kein großer Kunstfreund, aber wer gerne zeichnet, malt oder eben mit einer Spraydose sprüht der soll das doch bitte in den eigenen 4-Wänden auf einer Leinwand machen und nicht auf öffentlichen oder privaten Gebäuden.
    Jahr für Jahr enstehen Schäden in Millionenhöhe durch Graffiti.
    Spätestens wenn einem so etwas mal persönlich trifft hört der Spaß auf. Mir ist das passiert und ich habe absolut kein Verständnis mehr für das besprühen von Wänden oder ähnlichem.

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  3. Dorian Boyesen

    Kiel braucht definitiv mehr Kunst!

    Ob Graffiti Vandalismus ist? Ansichtssache.
    Ich persönlich finds klasse, aber nicht jeder Hausbesitzer steht auf Tags und Graffiti.

    An öffentlichen Gebäuden finde ich das generell gut. Natürlich ist dabei aber die Illegalität ein Thema. Das ist aber auch eine Sparte der politischen Kunst.
    Wenn ich ein Eimer rote Farbe in die HSH Nordbank Eingangshalle schmeiße, ist das auch eine politische Aktion, ein Statement, wie ein Graffiti eben, dann flattert aber eine Anzeige in den Briefkasten, daher sollte man sich schon über mögliche Konsequenzen bewusst sein.

    Im Gegensatz zu Berlin oder Hamburg, kann Kiel ruhig noch ein bisschen bunter werden 🙂

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  4. Lasse

    Also Graffiti ist Kunst!
    Ich würde mich freuen Wenn Kiel mehr Legale Flächen freigibt!
    Ich weiß nehmlich nicht wo ich Sprayen soll. Illegal mach ich nicht!

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