Homosexuelle wollen noch vor Beginn der Olympischen Spiele in Sotschi am Schwarzen Meer gegen eine schwulen- und lesbenfeindliche Politik beim Gastgeber protestieren.

Warum es wichtig ist, über Homosexualität zu reden

Es gibt gute Gründe, Russisch im Drittfach zu studieren: Ich liebe die russische Sprache und Literatur und ich würde gerne meine eingerosteten Sprachkenntnisse wieder auffrischen. Im Studieninformationsblatt erfuhr ich, dass ein Praktikum in Russland fest im Studienverlauf integriert ist. Hier musste ich kurz überlegen. Zugespitzt und etwas übertrieben formuliert war mein Gedanke: Möchte ich mich in einem Land aufhalten, wenn auch nur für ein paar wenige Wochen, in dem meine grundlegenden Menschenrechte aufs Gröbste verletzt werden?

Hintergrund sind die homophoben Gesetze, die in Russland in den vergangenen Jahren in Kraft traten. Diese Gesetze besagen, dass sogenannte „Propaganda von Homosexualität“ nicht mehr in der Öffentlichkeit stattfinden darf. Somit werden Demonstrationen, die Homosexualität thematisieren, explizit verboten. Gegenüber Minderjährigen oder in Medien darf sich niemand mehr positiv über Homosexualität äußern. Lesben und Schwule, die sich öffentlichen outen, drohen Geld- und Haftstrafen. Sogar das Auswärtige Amt verschärfte die Reisehinweise für Russland.

Doch Russland ist nur ein Beispiel, in dem Homosexualität per Gesetz unter Strafe steht. Erst im Dezember vergangenen Jahres wurde in Indien, der größten Demokratie der Welt, Homosexualität erneut kriminalisiert und unter Strafe gestellt. In dutzenden von Ländern werden Lesben und vor allem Schwule strafrechtlich verfolgt. Lebenslängliche Haftstrafen erhalten Homosexuelle beispielsweise in Guyana oder in Singapur. In einigen Ländern, beispielsweise im Iran oder im Jemen, werden verurteilte Homosexuelle sogar hingerichtet.

Währenddessen streitet man sich in Deutschland über die Ehe-Öffnung, ein Thema, das im Anbetracht der internationalen Situation banal und lächerlich wirkt. Und auch ein Medienspektakel wie das Outing des Profifußballers Thomas Hitzlsperger wird breit diskutiert. Es sei doch egal, ob er schwul ist oder nicht, beklagen sich manche, die Sexualität sei doch Privatsache. Doch wie privat ist ein heterosexueller Kuss oder eine Hochzeit in der Öffentlichkeit? Währenddessen werden sich küssende oder händchenhaltende Homosexuelle mit schiefen Augen angesehen.

Mit einer Geheimhaltung der Homosexualität ist niemandem geholfen. Gerade mit der Tatsache, dass Hitzlspergers Coming-Out so einen Wirbel ausgelöst hat, wird doch klar, dass Schwule und Lesben noch immer nicht als normal angesehen werden. Deshalb ist es gut und wichtig, dass Personen des öffentlichen Lebens und prominente Vorbilder bewusst solch eine repräsentative Rolle einnehmen.

Genau das wird mit den Gesetzen in Russland verboten. Unter diesen Bedingungen wird die größtenteils homophobe Bevölkerung Russlands weiterhin homophob bleiben, denn die heranwachsenden und auch die bestehenden Generationen werden nicht über sexuelle Vielfalt aufgeklärt. Nichts ist giftiger für soziale Gleichheit als die Tabuisierung.

Es ist daher schön zu sehen, dass jüngere Entwicklungen wie in Russland oder Indien von der westlichen Welt nicht unkommentiert bleiben. Politiker boykottieren die Olympischen Winterspiele in Sotschi, Nobelpreisträger appellieren an Russland für eine Abschaffung der Anti-Propaganda-Gesetze.

Ich werde vermutlich trotz allem im kommenden Wintersemester mein Russisch-Studium an der Uni aufnehmen, mir während meines Russland-Aufenthaltes ein eigenes Bild von der aktuellen Situation machen – und vielleicht sogar über Homosexualität reden und aufklären können.

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