Ein halbes Jahr studieren in Peru – ein Auslandssemester mal ganz ohne ERASMUS

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Foto Jesse

Ja, es geht wirklich! Man kann auch außerhalb der ERASMUS-Hochburgen wie Spanien, Frankreich und anderen beliebten europäischen Ländern Auslandserfahrung im Studium sammeln. Das Stipendienprogramm PROMOS öffnet einem die Tore zu anderen Kontinenten und wird von vielen Studenten bei der Auslandssemesterplanung übersehen.

Da ich Spanisch und Philosophie auf Lehramt studiere, wurde mir schnell klar, dass ein Auslandsaufenthalt im Studium mit eingeplant werden muss. Doch viele Erfahrungsberichte von ERASMUS-Studenten schreckten mich ab. Nur mit Engländern und Deutschen in Málaga gemeinsam feiern gehen und neben Sonne und Alkohol ein paar wenige Stunden in der Uni absitzen?? Das ist bestimmt für ein bis zwei Wochen recht unterhaltsam, aber unter einem Auslandssemester habe ich mir etwas anderes vorgestellt. Ich wollte eine neue Kultur entdecken fernab von Deutschen und meine Sprachkenntnisse verbessern. Der Kontakt zu Einheimischen des besuchten Landes war mir sehr wichtig. Ich wollte irgendwo nach Südamerika, mal eine ganz andere Kultur und definitiv keine zahlreichen ERASMUS-Studenten, mit denen man letztendlich sowieso nur Englisch und Deutsch redet.

Mit diesen vagen Vorstellungen ging ich enthusiastisch in das International Center der CAU, wo mir schnell deutlich gemacht wurde, dass mein Plan keinesfalls schon ein Plan war. Die Beraterin betonte nur deutlich, dass ich mich um alles selbst kümmern muss. Ich muss eine Universität finden, die mir bestätigt, dass ich dort studieren darf für 1 Semester, ich musste eine Unterkunft finden, Flüge buchen und natürlich das Stipendium beantragen. Mein Ehrgeiz war aber bereits entfacht, ich wollte unbedingt auf diesen fernen Kontinent! Also fing ich an, alle möglichen Universitäten anzuschreiben in Venezuela, Bolivien, Peru und Ecuador. Nach langem Warten meldete sich endlich eine Uni in Lima/Peru. Es war aber nicht so einfach, den Kontakt aufrecht zu erhalten. Auf einmal meldete sich mein Ansprechpartner nicht mehr, und erst nachdem ich allen E-Mail-Adressen, die ich auf der Homepage der Universität gefunden habe, geschrieben hatte, kam endlich die langersehnte Antwort. Meine Leistungsübersicht und Studienbescheinigung habe ich übersetzen und beglaubigen lassen, und damit bekam ich endlich die Bestätigung von der Universität, dass sie mich für 6 Monate aufnehmen würde, wenn ich natürlich die Studiengebühren zahle.

Nachdem das sicher war, habe ich die Unterlagen für den PROMOS-Antrag ausgefüllt, was auch etwas aufwendig war. Bescheinigung über Sprachkenntnisse, Empfehlungsschreiben von einem Dozenten, Notenübersicht auf Englisch, Motivationsschreiben und natürlich ganz viele Antragsformulare…aber es lohnte sich! Im März 2012 sollte es losgehen, und im Oktober 2011 kam endlich die schriftliche Zusage, dass ich monatlich 300 Euro überwiesen bekomme und 1200 Euro Reisepauschale erhalte. Mein Kampf hat sich ausgezahlt, und nun musste nur noch eine Unterkunft gefunden werden.

Dafür gibt es Homepages, die mit Seiten wie „WG gesucht“ zu vergleichen sind. Ich hatte aber das Glück, dass mein Vater durch sein Reisebüro eine Peruanerin kannte und sie mir den Kontakt zu ihrer Familie dort vermittelte. Ein älteres peruanisches Ehepaar und ihre 40-jährige Tochter nahmen mich letztendlich für 200 Euro im Monat bei sich auf. Das Zimmer in Kiel wurde untervermietet, der Flug war gebucht, und nun konnte es endlich losgehen!

Ich wurde, wie vorher abgesprochen, vom Flughafen von meiner Gastfamilie abgeholt. Keiner konnte Englisch oder Deutsch, und ich war gezwungen, mich mit meinem Spanisch durchzuschlagen. Ich kam schnell in den Genuss des süßen lateinamerikanischen Lebens. Die peruanischen Delikatessen waren ein Hochgenuss, und ich schlemmte mich von einer Köstlichkeit zur nächsten. Ob saftige Mangos, frische Meeresfrüchte oder die berühmte Kartoffel mit einer Käse-Chili-Soße – die peruanische Küche lässt keinen Wunsch offen. Ich musste nur dreimal in der Woche abends in die Uni, wo ich Seminare in Philosophie belegt habe.

Es war spannend zu sehen, wie hoch angesehen das deutsche Philosophiestudium in Peru ist. Viele Studenten fragten mich danach, wie sie sich in deutschen Universitäten immatrikulieren können. Ich war weit und breit die einzige Deutsche an der kleinen Universidad Antonio Ruiz de Montoya, was mir zu viel Kontakt mit Peruanern verhalf. In meiner üppigen Freizeit genoss ich, dass Lima direkt am Meer liegt und sich ideal zum Surfen anbietet. Ich ging auf Partys mit Freunden vom Surfen und der Uni, wurde von vielen Familien zu ihren privaten Familienfesten eingeladen und wurde überschüttet mit dem ganzen guten Essen, an dem man zwar hin und wieder auch erkrankte, aber irgendwo muss ein Paradies ja auch seine Macken haben. Ich wanderte zum weltberühmten Machu Picchu, ging Sandboarding in Ica und machte nebenbei noch mein Grundschulpraktikum in einer nahegelegenen Schule. Meine Gastschwester weihte mich ein in die Geheimnisse einer Drei-Euro-Maniküre, zeigte mir, an welchen Tagen man am günstigsten ins Kino gehen konnte und erklärte mir mit Engelsgeduld, wie ich in diesem Buswirrwarr in Lima auf den richtigen Bus aufspringe, um an mein gewünschtes Ziel zu kommen. Bei allen Familienessen war ich dabei und wurde sogar mit ins Strandferienhaus der anderen Schwester genommen.

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Es war ein Erlebnis! Ich habe Peru nach einem halben Jahr mit dem Gefühl verlassen, dass es ein Teil von mir und meiner Lebensanschauung geworden ist. Ich habe Freundschaften geschlossen, die bis heute durch Skype und Mails bestehen. Es gab Momente, in denen ich mich sehr über das ganze Chaos dort geärgert habe, und es gab Momente, in denen ich zu Tränen gerührt war von der bedingungslosen Gastfreundschaft, die ich dort erleben durfte. Ich fing an, einerseits sehr zu schätzen, wie sicher und behütet man in Deutschland leben kann, ohne die ständige Angst, dass man gleich überfallen wird, aber andererseits begeisterte mich, mit welch einer Selbstverständlichkeit man herzlich aufgenommen wird von fast fremden Menschen und wie wenig Geld mit der Zufriedenheit eines Menschens zu tun hat. Davon können wir Deutschen uns eine große Scheibe abschneiden.

Zuletzt kann man nur sagen, dass sich der Aufwand gelohnt hat. Meine Kurse, die ich in Peru absolviert habe, wurden alle von der CAU angerechnet, was bedeutet, dass ich noch nicht einmal einen Zeitverlust durch das Auslandssemester hatte. PROMOS bietet einem die Möglichkeit, sich individuell ein Auslandssemester außerhalb von Europa zu gestalten. Es fordert Einiges an Eigeninitiative, aber letztendlich sind die Mühen vorher nur ein geringer Preis für das, was man in dem halben Jahr an Erfahrungen sammeln darf.

3 Gedanken zu „Ein halbes Jahr studieren in Peru – ein Auslandssemester mal ganz ohne ERASMUS

  1. Maria Jensen

    Hey Frederike 🙂
    Ich hab gerade dein Eintrag zum Auslandssemester gelesen, weil ich selber überlege, eins in Peru zu machen. Es wäre cool wenn ich dir dazu ein paar Fragen stellen könnte, meine Email Adresse hast du ja unten 🙂
    Vielen lieben Dank schon mal 🙂

    Liebe Grüße
    Maria

    Antworten
    1. Frederike JesseFrederike Jesse

      Hey Maria!
      Du kannst mir gerne via Mail Fragen stellen 🙂 Nur leider kann ich deine Mailadresse nicht sehen, daher kann ich dir nicht schreiben. Vielleicht kannnst du mir die noch einmal zukommen lassen 🙂

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  2. Jess

    Hola Jesse
    Me gustaría poder hacerte unas preguntas acerca de estudiar un semestre en Perú. Podría tener tu email, bitte.
    Ich habe ein Sohn , er möchte Medizin studieren…
    Alle weitere Info durch Email. (jessi.g(at)web.de)

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