Anti-Pegida: Sogar vier Engel demonstrierten mit

Die Evangelische Studierendengemeinde positioniert sich gegen Engstirnigkeit und Intoleranz.(Foto:Romy Stein)

Die Evangelische Studierendengemeinde positioniert sich gegen Engstirnigkeit und Intoleranz.(Foto:Romy Stein)

11000 sollen es gewesen sein, die am 27. Januar 2015 aus ihren gemütlichen Heimen auf die zwar ausnahmsweise trockenen, wenn auch gleich kalten und zugigen Straßen der Kieler Innenstadt zog.

Trotz alternativen Universitätsprogramms machten auch wir vom CollegeBlog uns auf, um nachzusehen, wer da unter dem Motto „Kiel ist weltoffen, Kiel ist bunt“ mitmarschierte und was die Beweggründe der einzelnen Demonstranten waren. Dabei stießen wir auf allerlei politische Parteien, gemeinnützige Organisationen und Organisatoren, die sich als selbstverständlich dazugehörigen Teil der Bewegung für Demokratie und Toleranz sehen. Aber nachdem wir immer tiefer in der Menschenmasse versanken und immer wieder Gespräche suchten, erfuhren wir auch von ganz anderen Intentionen – und mitten im Gedränge lernten wir ganz nebenbei noch vier Engel kennen.

Als wir kurz nach 18 Uhr auf dem Wilhelmplatz eintreffen, ist schon jetzt nicht mehr auszumachen, wie viele Menschen sich hier zusammengefunden haben, doch eines ist klar – es müssen viele sein, denn die Bühne ist noch weit entfernt, und wir drängeln uns bereits an Leuten vorbei, um einer ausgemachten Gruppe mit einheitlichem Logo auf den emporgehaltenen Schildern näherzukommen. Es ist die Evangelische Studierendengemeinde (ESG), die uns erklärt, dass es selbstverständlich ist dabeizusein, da sie kulturelle Vielfalt in der Gesellschaft besonders wertschätzt. Fast ein wenig ungläubig schaue ich zu meiner Kommilitonin herüber – darüber verwundert, wie die Gruppe sofort dazu bereit ist, sich lächelnd für ein Foto zu positionieren, wo sich manche mit dem Bildermachen auf Demos so schwer tun. Doch das Bildmaterial sollte an diesem Abend kein Problem für uns werden. Direkt daneben fällt uns eine über die Schultern gebundene Flagge der FDP auf. Ein Grüppchen Liberale teilt uns selbstbewusst mit, Toleranz liege in den Genen der FDP, und sie wollten deswegen hier für ein offenes Kiel demonstrieren.

Der Zug setzt sich mittlerweile in Bewegung, und wir versuchen, uns immer weiter an seine Spitze vorzuarbeiten. Plötzlich bemerke ich, wie meine Kommilitonin auf ein paar weiß gekleidete Gestalten zueilt, und folge ihr prompt. Vor uns stehen vier Frauen und Männer in Engelskostümen. Als wir sie fragen, weshalb sie im Zug mitlaufen, bekommen wir nicht die erwartete, politisch zurechtgelegte Aussage. „Wir sind die Licht-Entschleunigung und sind die Glücksbringer für die Demo.“ Das muss ich mir näher erklären lassen, also frage ich weiter nach und erfahre, dass es sich bei der Gruppe um eine Aktionsgemeinschaft handelt, die den hektischen und leistungsorientierten Alltag „entschleunigen“ will und sich dabei auf die Werte der Nächstenliebe und inneren Ruhe beruft.

Nach einem Foto und einer herzlichen Verabschiedung treibt es uns weiter nach vorne, denn wir haben zwar schon interessante Gesprächspartner gefunden, aber der Demonstrationszug ist noch lang. Auf dem Weg sprechen wir mit Anhängern der Grünen, die in großer Zahl erschienen sind und durch das Präsentieren ihrer hohen grünen Fahnen auffallen. Auch die Piraten sind mit von der Partie. Wir unterhalten uns mit dem hochschulpolitischen Sprecher Uli König. Er will den radikalen Parteien nicht das Feld überlassen und freut sich, wenn Menschen ausländischer Herkunft in unser Land kommen.

Auch wenn ich die Standpunkte der verschiedenen Parteien interessant finde, wecken die Beweggründe der einzelnen Privatpersonen nun noch eine besondere Neugier in mir. Ich erspähe in der Ferne einen schätzungsweise gleichaltrigen Jungen – mit einem Lächeln hält er eines der unzähligen Plakate des Abends fest. Ob er auch mit einer bestimmten Gruppe hier ist, möchte ich wissen. Der, wie ich später erfahre, in einer Band spielende Zwanzigjährige verneint die Frage, setzt aber entgegen, dass es seiner Meinung nach nicht genügt, für eine Sache zu sein. „Man muss die Ziele auch versuchen umzusetzen, und dafür wird demonstriert.“ Auf der Höhe des Hauptbahnhofes spreche ich danach mit einer älteren Dame und ihrer Nachbarin. Die Angst vor einer das ganze Land in Unruhe versetzende Auseinandersetzung durch die Pegida ist ihre größte Sorge. Was mich im Laufe der Unterhaltung verwundert, sind die unterschiedlichen Betrachtungsweisen bezogen auf die Ziele des Zuges gerade in Hinblick auf die jüngeren Teilnehmer, versuchend mit allen Mitteln ihre Meinung zu präsentieren, und die Älteren, welche sich eher einen ruhigeren Umgang in der Gesellschaft mit dem Thema Toleranz zu erhoffen scheinen. Ein weiterer Beleg für die Diversität der Zusammengekommenen sind die weiteren Gemeinschaften und Organisationen, wie der Sozialverband Deutschland, die Türkische Gemeinde Kiel oder die Menschenrechtler von Amnesty International.

Am Ende der Demonstration finden wir uns auf dem Kieler Rathausplatz wieder, wo die Band Butler gerade auf einer kleinen, hell beleuchteten Bühne spielt. Nach dem Auftritt gehen wir auf die fünf Musiker zu und stellen auch hier die Frage: Was führt euch auf diese Veranstaltung? Die junge Indie-Band freut sich, den Wunsch nach Weltoffenheit unterstützen zu können, auch wenn er zu vielen Kontroversen führt. Derselben Meinung ist auch Johannes Steen, der achtzehnjährige Moderator des Abends. Eher zufällig sei er zur Moderation gekommen, und trotzdem hat es ihm eine Menge Spaß gemacht.

Das kann auch ich für mich festhalten. Gegen halb neun leert sich der Platz. Noch überwältigt von den vielen verschiedensten Menschen, die ich heute kennengelernt habe, mache ich mich wieder auf den Weg zurück zur Uni. Vom politischen Statement bis zur Forderung nach einem gesamt-gesellschaftlichen Wandel war heute alles dabei. Dass die Wünsche allesamt auf fruchtbaren Boden treffen, ist ungewiss. Sicher ist jedoch, dass ein Kiel mit einer solch bürgerlichen Vielfalt nur weltoffen sein kann – und in jedem Fall schon lange bunt ist.

3 Gedanken zu „Anti-Pegida: Sogar vier Engel demonstrierten mit

  1. Michaela Zahn

    Der sachlich beschriebene Artikel gibt einen guten Einblick in die verschiedenen Motivatioen der Menschen ohne zu bewerten oder Partei zu ergreifen.

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  2. Sabrina

    In meinen Augen ist es sehr wichtig für Toleranz und Weltoffenheit zu demonstrieren, somit finde ich, dass die Anti-Pegida-Bewegungen ein Zeichen dafür ist, dass Deutschland nicht nur ein Ort ist, wo Menschen aus Angst vor anderen Religionen und Werten Woche für Woche auf die Straße gehen, sondern man steht dafür, offener für andere Hautfarbe, Sitten oder Gebräuche zu sein.
    Auch in Ihrem Bericht wird deutlich, dass die Einheit Deutschland aus den verschiedensten Menschen besteht, die für Recht und Freiheit sich stark macht.

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