Alea iacta est – Hinterher ist man immer klüger!

Wer spricht denn noch Latein? Das ist doch eine tote Sprache! Genau mit diesem Gedanken und der daraus resultierenden Motivation besuchte ich vor vier Jahren meinen ersten Lateinkurs an der CAU Kiel. Uns „Erstis“ wurde zuvor mitgeteilt, dass ein Latinum vorliegen müsse, um das Aufbaustudium in Geschichte antreten zu können. Mir blieben laut Plan also drei Semester Zeit. „Klasse!“, dachte ich. Weil ich ja ganz bestimmt neue, bisher unentdeckte, uralte antike Quellen ausgraben werde und diese dann übersetzen muss! Langsam wurde mir aber bewusst: Der Weg wird hier das Ziel sein.

In meinem ersten Grammatikkurs saß ich zusammen mit rund 50 anderen, unmotivierten und planlosen Studenten in einem überfüllten Vorlesungssaal. Unterrichtet wurden wir von einem pensionierten Lateinlehrer, der mindestens 65 Jahre alt sein musste, also genauso alt wie die Lehrbücher des „Studium Latinum“. Er konnte nicht verstehen, warum wir kein anständiges Grundvokabular haben und unmotiviert sind – ja, wie denn auch, wenn ich neben Latein noch meine zwei „anderen“ Fächer habe?

Klar, in der Schule hat man acht Jahre Zeit für das, was wir nebenbei in drei Semestern durchziehen sollen. Überfordert und desinteressiert blödelten meine Freundinnen und ich in den Grundkursen nur herum. Wir machten uns keinen Kopf darüber, wie es im großen und abschließenden Lektürekurs ablaufen würde.

die vollkommen veralteten Bücher des Studium Latium

die vollkommen veralteten Bücher des Studium Latium

Genau hier beginnt mein ganz persönlicher Leidensweg. Bei meinem ersten Test im ersten Lektürekurs sagte der Dozent zu mir: „Da brauche ich meinen Korrekturstift gar nicht erst ansetzen“. Vielen Dank! Das war sehr motivierend. Ich brach den Kurs entmutigt ab und wollte aufholen, was ich in den ersten Semestern an Grammatik verpasst hatte. InTouch-Magazin, Angry Birds oder Endlos-Geschnatter mit Sitznachbarn hatten mich von PC, dem AblAbs oder vom PPP abgelenkt.

Grammatik, Grammatik, Grammatik!

Grammatik, Grammatik, Grammatik!

In diesem Sinne Carpe diem!  Während der Ferien nutzte ich meine Tage natürlich für alles andere außer für Latein. Manchmal musste ich bis zu vier Hausarbeiten schreiben. Nebenbei arbeitete ich immer viel und mal ehrlich, ich will irgendwann auch mal leben und mich entspannen. Latein passte daher nicht so wirklich in einen ohnehin schon vollen Terminkalender. Eigentlich ein Grund mehr, es schnell hinter sich zu bringen und nicht ewig damit herum zu dümpeln. Hinterher ist man immer klüger!

Ich besuchte im 4. Semester also Lektürekurs Nummer zwei und es lief wieder nicht zufriedenstellend. Auf Geheiß der Lateinlehrerin schraubten einige Studenten und ich deshalb den Workload für die Fächer, die wir eigentlich studierten, auf ein Minimum zurück und befassten uns ein Semester fast ausschließlich mit Latein, um dann den Ferienkurs zu rocken. Ich habe mir daher extra zwei Wochen Urlaub genommen, damit ich im Hochsommer täglich fünf Stunden in der Uni sein konnte um Cicero und Ceasar zu übersetzen. Aber auch hier konnte ich noch nicht wirklich punkten und versagte kläglich mit einer glatten sechs. Ich war mehr als deprimiert, dachte zwischenzeitlich sogar schon daran, an die Uni in Hamburg zu wechseln, da dort ein Latinum für den Bachelor in Geschichte nicht von Nöten ist.

Faber est suae quisque fortunae. Jeder ist seines Glückes Schmied.

Es folgten Lektürekurs Nummer drei, vier, fünf, sechs und sieben. Ich gab nicht auf. Aber ich brauchte auch tatsächlich ganze fünf Anläufe, um endlich mein Zeugnis zum Latinum in den Händen halten zu dürfen. Ich war einfach zu faul, lernte kaum Vokabeln und konnte bis zuletzt nicht einmal alle Deklinationen und Konjugationen auswendig. Ich war so unsicher, dass ich nicht ein einziges Mal zur Prüfung antrat. Dann kam Februar 2015.

Die Vornote steht! Mit 5 Punkten kann ich durchaus zufrieden sein.

Die Vornote steht! Mit 5 Punkten kann ich durchaus zufrieden sein.

Fiat lux! – Es werde Licht!

Am 7. Februar trat ich zum Latinum an. Mit einer Vornote von einer glatten vier, die ich einer sehr lieben Nachhilfelehrerin zu verdanken habe, brauchte ich in der Klausur lediglich eine 4- zum Bestehen. Ich war natürlich super aufgeregt und es waren einige Sätze dabei, bei denen ich mir absolut nicht sicher war.

Von 9:00-12:00 Uhr durchlebte ich die reinste Hölle. Erneut merkte ich, dass ich ganz und gar kein Prüfungsmensch bin und war froh, als es endlich vorbei war und ich zeitlich immerhin alles übersetzen konnte. 180 Wörter, 180 Minuten! Die Freude darüber, es erst einmal hinter sich gebracht zu haben, überwog dem mulmigen Gefühl der Unsicherheit über das Bestehen an sich. Das Wochenende war ein Auf und Ab der Gefühle mit wenig Schlaf und unerträglicher innerer Unruhe. Am Montag bekam ich eine Mail, dass ich nicht durchgefallen sei, aber aufgrund ungenügender Leistung zur mündlichen Prüfung antreten müsse. Ich schrie auf vor Glück über diese Chance.

Mittwochmorgen 9:30 Uhr – Showdown; Jetzt oder nie. Das Wörterbuch übersteht ohnehin keinen weiteren Kurs.

Mehrfach musste ich mein Wörterbuch schon tapen.

Mehrfach musste ich mein Wörterbuch schon tapen.

Der Pons leidete all die Jahre mit mir. Ein stets treuer Begleiter

Der Pons war ein stets treuer Begleiter

Finis coronat opus. Das Ende krönt das Werk.

Wie erwartet lief die mündliche Prüfung ziemlich holprig ab. Ich machte Hannibal zum Akkusativ trotz klarer Nominativendung und verwechselte ein PPA mit einem PPP. Latein war nie so wirklich mein Ding und es war klar, dass wir auch auf den letzten Metern keine „best friends forever“ kurz BFF werden. Aber ich meisterte die Situation. Mir kullerten die Freudentränen übers Gesicht, diesen Lebensabschnitt endlich hinter mich gebracht zu haben.

Da ist das Ding!

Da ist das Ding!

Non scholae, sed vitae discimus. 

Ich zumindest habe fürs Leben und nicht nur für die Schule gelernt, wenn auch etwas spät. Ich danke hiermit Vivian, meiner lieben Nachhilfelehrerin und mentalen Stütze, Frau Radünzel, die wirklich einen liebevollen und ganz wunderbaren Unterricht gemacht hat und schließlich meinem inneren Schweinehund, der endlich Platz gemacht hat für Cicero, Seneca und Co.

Finis et bonum idem est! Ende gut – alles gut!

Liebe Leidensgenossen, schreibt mir doch auch eure Erfahrungen mit Latein an der Uni!

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Katrin Burmeister

Über Katrin Burmeister

Katrin Burmeister (25), studiert Geschichte und Philosophie an der CAU.
Sie lebt seit fünf Jahren zusammen mit ihrem Freund in Kiel, kommt ursprünglich aus Bordesholm und arbeitet nebenberuflich bei H&M. „Ich bin eine ambitionierte Hobbyköchin, und wären die Arbeitszeiten des Kochs nicht so exorbitant nervig, wäre ich ganz sicher schon im Beruf gelandet.“ Im KN-CollegeBLOG will sie Mensaessen günstig, aber lecker nachkochen und die Rezepte dazu liefern.

Ein Gedanke zu „Alea iacta est – Hinterher ist man immer klüger!

  1. Manjit KohlerGeißbock

    Na dann mal herzlichen Glückwunsch! Habe selbst das Latinum schon in der Schule gemacht und könnte mir schwer vorstellen, hier an der Uni die Motivation aufzubringen, mich nochmal ganz von vorne daranzusetzen. Aber es gibt ja noch weitere Hürden (zweite moderne Fremdsprache, Alte Geschichte an sich, etc.).

    Auf dass man auch diese hinter sich lässt! MfG

    Antworten

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