Die Unselbstständigkeit der Studenten: Und was denkst du, Mama?!

Ersti-Fahrten, Einführungsveranstaltungen und lange Schlangen von Neuankömmlingen vor dem Studierendensekretariat, die aufgeregt auf ihre Immatrikulation warten – das Wintersemester 2015 hat begonnen! Doch was sieht man auch neben all den jungen und erwartungsvollen, frisch gebackenen Abiturienten? Die Eltern!

Mit stolzen Gesichtern laufen sie neben ihren Sprösslingen her und quetschen sich in die engen Sitzreihen des Hörsaals. Es wirkt ein wenig wie ein Einschulungstag. Nach der Veranstaltung wird dann mit steter Unterstützung der Eltern die passende WG ermittelt, die Einrichtung bei IKEA ausgesucht und alle Formalitäten erledigt, die so ein Studienbeginn mit sich bringt. Doch was genau würde Wilhelm von Humboldt, der Bildungsreformer und Mitbegründer der Berliner Universität, zu dem starken Einfluss der Eltern heute sagen? Oder Immanuel Kant, der in den Zeiten der Aufklärung sich für die Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit ausgesprochen hat?  Sie wären entsetzt! Selbstentfaltung, Freiheit und Autonomie waren für beide die höchsten Werte, die an Universitäten und generell im Leben gelehrt werden sollten. Werte, die mit der heutigen Auffassung vieler Eltern und Studenten von einem Studium kollidieren würden. Wozu Selbstentfaltung, wenn Mama und Papa doch eigentlich immer am Besten wissen, was aus mir werden soll? Und wozu Freiheit und Autonomie, wenn es doch so viel bequemer ist, die Verantwortung weiterhin dem trauten Heimatnest zu überlassen?

Mag es daran liegen, dass die Studenten immer jünger werden, oder daran, dass es heute einfacher ist an eine Immatrikulation zu gelangen, aber früher galt der Beginn eines Studiums als ein Gewinn an Freiheit und die Loslösung vom Elternhaus. Ob es nun die Eltern sind, die nicht loslassen können, oder die Studenten, die aus Bequemlichkeit den starken Einfluss ihrer Eltern gerne beibehalten wollen, das sei dahingestellt. Aber Eigenverantwortung ist für viele Studenten in der heutigen Zeit ein Fremdwort. Die Mütter sind meist besser über die Studienverlaufspläne informiert als die Studierenden und auch bei der Wohnungssuche hört man immer häufiger, dass die Eltern sich auf Anzeigen melden oder sogar bei WG-Castings erscheinen.

Dabei schmeckt die Freiheit doch so gut! Das eigenständige Organisieren und Gestalten des Lebens bedeutet nicht nur Anstrengung und Mühen, sondern auch ein Leben, was man sich ganz nach seinen persönlichen Vorlieben ausmalen kann. Sei es die Gestaltung der eigenen Wohnung, des Studiums oder der Freizeitaktivitäten, Autonomie bildet doch erst den eigenen Geschmack und die individuellen Vorlieben aus, ohne die unsere Gesellschaft ein langweiliger Einheitsbrei wäre. Daher kann ich als Plädoyer an alle Erstis nur Kant zitieren, der es nicht trefflicher hätte formulieren können: „Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

4 Gedanken zu „Die Unselbstständigkeit der Studenten: Und was denkst du, Mama?!

  1. Deckhand

    Hallo Frederike,
    vielen Dank für den schönen Artikel. Wenn bei uns (1997) am ersten Tag Eltern mit im Hörsaal gesessen hätten, wäre es für die Kommilitonen einer peinlichen Katastrophe gleichgekommen 🙂
    Eine Anmerkung:
    Bei dem Zitat von Immanuel Kant ist am Anfang das „Unvermögen“ gemeint, erst dann ergibt sich ein Sinn.
    viele Grüße: Christian

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  2. Frederike JesseFrederike Jesse Beitragsautor

    Vielen Dank für den Hinweis. Da hab ich im Zitat leider einen Tippfehler eingebaut, welcher den Sinn echt total verdreht. Aber nun ist er korrigiert und ich hoffe, dass Kant mir diesen Fauxpas verzeiht 😉

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  3. Frank Blasberg

    Irgendwie logisch, denn nichts anderes wie die Fortsetzung der Helikopter-Eltern.
    Ein toller Artikel, der (leider) die häufige Realität beschreibt, doch sich nicht nur auf das Phänomen der Studenten bezieht. Auch wir als Ausbilder erhalten Bewerbungen von jungen Menschen, die von deren Eltern geschrieben wurden und dann folgender Gedanke brutale Wahrheit wird: Das Gegenteil von ´gut“ ist häufig „gut gemeint“. Und schon sind sie d’raußen…

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