Quarter-Life-Crisis oder die Frage: Was kommt nach dem Studium?

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Eines Tages holt es jeden von uns ein – das Gefühl, nicht genug aus dem eigenen Leben zu machen. Plötzlich fällt einem auf, dass man mit Mitte zwanzig das Studium noch nicht beendet hat. Dass kein sicherer Arbeitsplatz nach dem Abschluss auf einen wartet. Dass die Freunde um einen herum viel erfolgreicher ihre Ausbildungszeit genutzt haben und sich vielleicht schon im Beruf befinden. Erst letztens hat mich dieses Gefühl eingeholt und mich sogar an der Sinnhaftigkeit meines Studiums zweifeln lassen.

Es war Jahrmarkt in meinem Heimartort – ein jährlich wiederkehrendes Ereignis, zu dem sich nicht nur der halbe Landkreis versammelt, sondern sich auch die ehemaligen, nestflüchtigen Klassenkameraden und alten Freunde aus der Schulzeit treffen. Man trifft Leute, die man seit einem oder mehreren Jahren nicht mehr gesehen hat und vertieft sich im Smalltalk über den Studienort oder die aktuelle Arbeit, wie die Ausbildung läuft oder wo man gerade wohnt.

„Und, wie ist das Studium? Bist du immer noch in Kiel?“, wurde ich mindestens zehn Mal an diesem Abend gefragt. Immer wieder gab ich dieselbe Antwort: „Ja, es läuft. Erst mal mache ich noch den Master, weiß aber nicht, wo es danach hingeht.“

Nach den ersten drei Gesprächen fühlte es sich noch so an, als hätte ich mein Leben halbwegs im Griff. Ein Studium ist immerhin etwas wert und den Bachelor hatte ich so gut wie in der Tasche. Bis ich mich endgültig für einen Berufsweg entscheiden musste, blieben ja noch mindestens anderthalb weitere Jahre. Doch die anderen, so kam es mir jedenfalls vor, hatten um einiges mehr zu berichten als ich:

„Ich bin momentan zu Besuch aus Frankfurt hier. Die Ausbildung beim Finanzamt? Hab ich längst fertig. Momentan versuchen mich ein paar größere Kanzleien abzuwerben, aber ich kann erst nach meinem Vertrag, der noch ein Jahr läuft, darauf eingehen.“

Wow!

„Ich bin so froh, dass ich endlich mal ein paar Tage frei habe! Unternehmensberatung ist ganz schön anstrengend… Stell dir mal vor, seitdem ich mein Studium vor einem Jahr beendet habe, musste ich fast jeden Tag vierzehn Stunden arbeiten!“ Ob sich die Arbeit jedenfalls lohnt? „Bei so einer renommierten Firma kann man, ehrlich gesagt, sehr gutes Geld verdienen.“

Das freut mich doch sehr!

„Hast du das von Annas Bruder gehört? Der ist erst 24 und verdient einfach mal 50.000 netto im Jahr bei der Kanzlei, die ihn angenommen hat!“

Nein, das hatte ich noch nicht gehört.

„Ich habe vor Kurzem meine Masterarbeit abgegeben. Zum Glück konnte ich bei dem Unternehmen bleiben, wo ich Praktikum gemacht habe. Als Maschinenbauer kann man zwar nahezu überall hingehen, aber die zahlen dort auf jeden Fall ganz gut, obwohl ich Berufsanfänger bin. So viel sogar, das man das eigentlich niemandem erzählen darf…“

Ehrlich gesagt, wollte ich es auch gar nicht wissen.

Ich bin jetzt 23 Jahre alt, habe einen Abschluss in einem Fach, dem kein klares Berufsbild folgt, sondern mit dem man sich seine Lücke auf dem Arbeitsmarkt erst suchen muss. Man muss eine ungefähre Vorstellung davon haben, was man später arbeiten möchte, um dementsprechend passende Kurse zu belegen. Mein Lebenslauf ist gähnend leer, da ich von der Schule direkt an die Uni gegangen bin.

Abhängig vom Staat

Das erste Viertel meines Lebens ist um und ich bin immer noch vom Staat abhängig, der mir jeden Monat brav BAföG aufs Konto zahlt, das ich irgendwann wieder zurückgeben muss. Mit dem Ferienjob und Mindestlohn kommt man zwar einigermaßen über die Runden, doch sich für später etwas beiseite zu legen, ist quasi unmöglich. So viel ist es dann doch nicht. Kein Wunder, dass ich mich zwischen den anderen wie ein kompletter Versager fühle.

Ich schaue mich um und sehe überall Leute, die Geld verdienen, glücklich mit ihrer Arbeit sind, auch wenn sie keinen Reichtum verspricht. Die genau wissen, was sie vom Leben wollen. Statt eines Berufes vielmehr einer Berufung nachgehen. Die ihre Stärken kennen und sie sich zunutze machen.

Und ich? Ich befinde mich in einer regelrechten Quarter-Life-Crisis. Zwar studiere ich gerne. Ich habe einen geregelten Alltag und arbeite auf etwas hin, auch wenn es nur die Abschlussarbeit ist. Dennoch habe ich das Gefühl, das mir irgendetwas fehlt. Das höhere Ziel.

Ich bin nicht mehr so jung wie in der Schule, wo einem alle Türen noch offen standen und es keinen störte, wenn man erst einmal zur Orientierung und Selbstfindung ein Jahr Pause einlegt. Mit Mitte zwanzig allerdings erwarten die Leute etwas von einem. Seit drei Jahren wohne ich immerhin schon nicht mehr zu Hause, bin von meinen Eltern unabhängig und muss all meine Pflichten selbst erledigen. Inzwischen darf man doch wohl davon ausgehen, dass ich mein Leben verdammt noch mal auf die Reihe kriege!

Es rückt sich schon noch alles zurecht

Tue ich auch. Irgendwie. Wenn auch nicht in der Zukunft, so wenigstens in der Gegenwart. Ich schreibe gute Noten in meinem Studium. Auch wenn kein Geld für Urlaub da ist, kann ich meine Miete, meinen Lebensunterhalt und meine Hobbys bezahlen. Ich habe wahnsinnig tolle Freunde – und auch die Zeit, etwas mit ihnen zu unternehmen, anstatt alle Energie in meinen Beruf investieren zu müssen.

Immer wieder rede ich mir ein, dass sich beruflich schon noch alles zurechtrückt, wenn ich nur lange genug warte und die Augen nach Gelegenheiten offen halte. Doch ob ich in ein paar Jahren auch vor meinen alten Schulfreunden mit beruflichen Erfolgen glänzen kann, das steht noch in den Sternen.

Genauso rede ich mir täglich ein: Ich lebe mein Leben, so gut wie ich kann. Und wenn das anderen zu wenig erscheint, dann sollte es jedenfalls mir selbst genug sein.

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