Is life a journey or competition? – Inszenierung macht die Bühne frei

Einige der kommenden Blogartikel beschäftigen sich mit einem Versuch einer verzahnten politischen und gesellschaftlichen Analyse des vergangenen Jahres. Dabei verbinde ich Presseberichte, situative Aufnahmen und Zustände der Flüchtlings- und Sicherheitsdebatte mit Erlebnissen und Gesprächen rund auf dem Campus und meinem sonstigen Lebensweg. Es generieren sich immer wieder unerwartete Parallelen – doch bislang lediglich in meinem Kopf.

Fakten oder Emotionen? Nächstenliebe oder survival of the fittest? Willkommenskultur – ja oder nein? Ach verdammt, ich habe mich ja schon entschieden, umschwenken macht ungläubig, lässt einen schwach aussehen. Bipolarität überall! Ich muss schlichten, Deutschland in sichere Bahnen lenken, es bewahren vor einem Umkippen in prä-demokratische Zustände. Nein, halt, ich muss es bewahren vor einer unkontrollierten globalen Modernisierung gegen die kein noch so altes Traditionskonzept gefeit ist.

Bitte, versuchen Sie erst gar nicht, die obenstehenden Gegenüberstellungen miteinander abzugleichen oder sie in kindischer Manier untereinander, dabei aufeinander beziehen zu wollen, wie Sie es in ihren Lieblingsartikeln so vorbildlich tun. Denken Sie größer, denken Sie abstrakt, denken Sie getrennt und machen Sie sich frei. Kombinieren Sie selbst und lassen Sie es nicht ihre vorkonditionierten Gehirnbahnen für Sie tun.

Vielleicht sollten wir uns fragen, bevor wir Dinge tun wollen, was wir getan haben und was wir im Moment tun, um die Entscheidungen für die Zukunft abzuwägen. Eine Momentaufnahme: Nach dem Jahr 2015 kam das Jahr 2016 und die deutsche Gesellschaft ist nach wie vor gespaltener denn je – zumindest scheinen wir uns aber positioniert zu haben. Vor dem Wahljahr 2017 ist für 50% der deutschen Bevölkerung die Flüchtlingskrise das wichtigste Thema, welches sie gelöst sehen wollen (ganz nebenbei: Das gilt für 75% der AfD-Wähler). Deutschland ist politisiert wie schon lange nicht mehr. Von Mario Barth über Mittermeier, Somuncu, Heufer-Umlauf und Tomalla sind mittlerweile mit deren Zutun regelrechte Positionierungstrichterströme erzeugt worden. Ob die Positionierung dabei mit Marketingzwecken oder persönlicher Überzeugung zusammenhängt, ist erst einmal egal. Sie spiegeln eine Meinung – wer dabei den größten Erfolg hat, ist – schauen wir auf unsere Lieblingsworte 2016 – nicht verwunderlich. Inszenierer. Menschen, die mit ihren Emotionen überzeugen können.

Wenn man dann weiß, dass ein Somuncu als zukünftiger Kanzlerkandidat  – nicht aufhörend in den politischen Talkshows des Landes die Schuld des Kapitalismus und des eigenen Landes an der Geflüchtetensituation zu predigen, dabei aber das gegebene Ungleichgewicht der ökonomischen Spielräume der verschiedenen Staaten gerne naiv außer Acht lassend und dabei im gleichen Atemzug jeglicher Partei rechts der SPD vorwerfend, populistisch zu sein – mit einer Schauspielerausbildung sehr gut bei großen Teilen der Bevölkerung ankommt, wirkt das im Zusammenhang betrachtet nur logisch. Anstatt an die Bringschuld der Integration zu appellieren, an die Gleichheit eines jeden zu erinnern und auf die Verteilungsungerechtigkeit auf der Erde hinzuweisen (welche so natürlich verbessert werden muss, aber mit dem Kontinuum unseres Umgangs im Grenz- und Sicherheitsfragen nichts zu tun hat), wird vielleicht zunächst mal gönnerhafter aufgenommen. Fragt sich nur, welche Position nun noch einmal gleich die populistische war. Wenn wir doch wissen, dass jeder Mensch nach Freiheit, Einfluss und Wohlstand strebt – dann brauchen wir uns dann auch gar nicht mehr schwer zu tun, das richtige populi zu definieren – wir haben ja alle eingegliedert. Wobei gerade in jüngster Vergangenheit gerne mal mit dem Schuldbegriff jongliert wird, da bereits ohne Abwurf dessen bloße Balance große Bevölkerungsteile in Atem hält.

Inszenierungsfähigkeiten als Grundlage des Gehörtwerdens

Es sind die ersten Januartage des neuen Jahres. Zielstrebig und doch irgendwie lethargisch durchquere ich schlurfend unzählige Wagen des IC nach Köln, um im Bordbistro nach den Strapazen der Feiertage eine milde Mahlzeit zu erhalten. Es bediente Sie Herr Yilmaz, steht auf dem Kassenbeleg. Während ich meinen Quinoasalat mit den erwärmten Sojastreifen zu mir nehme, fällt mir die Kommunikationsfreudigkeit des Bediensteten auf. Mehr oder weniger freiwillig höre ich bei einigen Unterhaltungen zu, die Herr Yilmaz mit jedem Gast zu führen scheint. Über das normale Höflichkeitsgerede geht das meiste hinaus. Und urplötzlich ist auch er mit Somuncu, Asül und Ceylan angekommen beim Austausch über das tägliche Weltgeschehen. Warum führt der Weg eigentlich wieder zu den Entertainern? Ach, ja – das hatten wir ja schon, Inszenierung – die Grundlage des Gehörtwerdens. Als ich ihm meinen leeren Teller bringe, unterhalten wir uns. Ich frage, was er denn z.B. von Somuncu im aktuellen Kontext hält. Er bekräftigt den Wunsch nach innerer Zerstreuung und Schüren von Hass innerhalb der Gesellschaft. Ich finde das interessant, wo Somuncu doch genau das durch sein Programm des Hasspredigers eigentlich als Inszenierung und Denkanstoß präsentieren könnte. Doch vielleicht ist das Problem einfach, dass  weder die Entertainer Inszenierung von Realität trennen wollen noch postfaktische Politiker, da sie die Möglichkeiten erkannt haben und wahrnehmen.

Nach einer halben Stunde sind Yilmaz und ich uns einig. Somuncu ist ein hervorragender Inszenierer – als zukünftiger Kanzlerkandidat aber Gott sei Dank nicht ernstzunehmen. Denn zu viel Populismus enttarnt sich spätestens im Moment des Souveränitätsübertrags und beginnt dann zu bröckeln.

So viel zum ersten Part und der Wahrnehmung einer postfaktischen Zeit. Im nächsten Teil werde ich mich am allgegenwärtigen Begriff der Bipolarität abarbeiten. Dabei komme ich auf die Frage, inwiefern wir überhaupt Frieden in der Gesellschaft brauchen und ob dieser natürlich ist. Aber dazu in Kürze mehr.

Eine angenehme Woche

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.