Ein Seminar im Kinosaal

Foto: NDR-Redakteur Donald Krämer (hinten) gab Kieler Studierenden Einblicke in die Berufspraxis

NDR-Redakteur Donald Krämer (hinten) gab Kieler Studierenden Einblicke in die Berufspraxis.

Die „Tatort“-Folge „Verbrannt“ basiert auf einer wahren Geschichte. Aber was bedeutet eine solche Aussage genau: Wie entsteht ein Krimi überhaupt? In welchem Verhältnis stehen Wahrheit und Fiktion? Und wie sieht der Arbeitsalltag beim Fernsehen aus? Ein Kino-Abend mit dem Fernsehredakteur Donald Krämer.

Es ist kurz vor sechs. Ein kalter Dienstagabend. Normalerweise sitzen wir für das Seminar „Deutsche Polizeiserien“ in einem der Seminarräume in der Leibnizstraße – doch heute macht unser Dozent Sven Sonne eine Ausnahme. Wir treffen uns im Kommunalen Kino der Pumpe. Neben seiner Lehrtätigkeit am Institut für Neue Deutsche Literatur und Medien der Christian Albrechts-Universität zu Kiel ist Sonne auch Redaktioneller Mitarbeiter beim NDR-Fernsehen in Hamburg. Er kennt die Branche gut, und bringt als Gast Donald Krämer mit in den Kinosaal, der als Redakteur den „Tatort“ betreut. Gemeinsam werden wir die Folge „Verbrannt“ auf der Kinoleinwand ansehen. Es geht um einen Asylbewerber, der in einer Polizeizelle verbrennt. Die Folge wurde im Oktober 2015 in der ARD ausgestrahlt und gewann 2016 den Deutschen Fernsehkrimi-Preis. Eine etwas andere Seminarsitzung für angehende MedienwissenschaftlerInnen. Und so lief unser Gespräch.

Sonne: Schön, dass du kommen konntest.

Krämer: Gerne. Am besten stelle ich mich kurz vor. Ich habe Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften studiert und danach sehr lange als Autor, Dokumentarfilmer und Regieassistent gearbeitet. Vor vier Jahren habe ich – wie gute Bekannte sagen – die dunkle Seite der Macht gewählt (lacht) und bin Redakteur beim NDR geworden. Ich bin zuständig für Fernsehfilme, die ab 20.15 Uhr laufen. Ich betreue unter anderem den „Tatort“ mit Wotan Wilke Möhring, die Mittwochsfilme und die Donnerstagkrimi-Reihen, die im Norden angesiedelt sind, wie „Nord bei Nordwest“ und „Usedom“.

Plenum: Wie sieht der Arbeitsalltag eines Fernsehredakteurs aus?

Krämer: Ehrlich gesagt, ist das ein ganz normaler Schreibtisch-Job. Dies hat mich eigentlich auch vor vielen Jahren davon abgehalten, Redakteur zu werden. Ich habe aber schnell gemerkt, dass es großen Spaß bringt, Geschichten vom Anfang bis zum Ende zu betreuen. Es geht los mit einer Idee. Im Idealfall entsteht sie in der Redaktion oder bei mir. Bei der „Tatort“-Folge „Verbrannt“ kam die Idee von unserem Redaktionsleiter Christian Granderath.

Am 7. Januar 2005 verbrannte Oury Jalloh, ein afrikanischer Asylbewerber bei lebendigem Leibe in einer Dessauer Gefängniszelle. Wie das Feuer entstehen konnte, ist bis heute unklar. Er trug kein Feuerzeug bei sich und war an Händen und Füßen gefesselt. Es ist bis heute kein Urteil gesprochen.

– Der Film bezieht sich darauf.

Krämer: Wir waren fassungslos, dass der Fall nach über zehn Jahren immer noch nicht aufgeklärt ist und niemand zur Rechenschaft gezogen wurde. Ehrlich gesagt, hätte ich niemals gedacht, dass so etwas in Deutschland überhaupt möglich ist. Wir haben beschlossen, an dem Thema zu arbeiten und haben lange an unseren Exposés gearbeitet. Wir haben Kontakt zu der Opfer-Initiative, zu Journalisten und zu einem Professor der Polizeiakademie aufgenommen. Nach rund acht Monaten Vorbereitung konnten wir in die Drehbuchentwicklung. Daraufhin habe ich gemeinsam mit dem Produzenten den Regisseur ausgesucht und der wiederum hat Castingvorschläge für die Episodenfiguren gemacht. Es ist mein Job all diese Schritte – bis hin zur Musik- und Bildabnahme zu begleiten. Auch die Pressearbeit gehört in meinen Aufgabenbereich. Meistens möchten die Journalisten mit den Hauptdarstellern sprechen, für den Drehbuchautor oder den Redakteur interessiert sich meistens niemand (lacht). Bei diesem Film haben wir mehrere Previews gemacht. In Dessau fand nach der Filmvorstellung eine Podiumsdiskussion statt und zu der Vorführung im Hauptstadtstudio waren Vertreter der Polizeigewerkschaft geladen. Mein Arbeitsalltag ist sehr abwechslungsreich. Letztens habe ich einen spannenden Zehnzeiler in der Zeitung gelesen – den habe ich gleich ausgeschnitten und einem Autoren in die Hand gedrückt.

Plenum: Wie lange dauert eine Filmproduktion?

Krämer: Hier muss zwischen Reihe und Einzelstück unterschieden werden. Bei einer Reihe sind die Abläufe sehr vorgegeben. Ich weiß schon jetzt, wann und welchen „Tatort“ ich im nächsten Jahr ausstrahlen muss. Für eine Folge planen wir zwischen zehn und achtzehn Monate ein. Bei einem klassischen Einzelstück können zwischen Idee und Produkt schon mal zwei bis drei Jahre liegen. Wenn es gut läuft, kommen wir bei einem Film auf vier Drehbuchfassungen. Ich habe aber auch schon Projekte mit zwölf Fassungen gehabt und es waren leider auch schon Bücher dabei, die wir gar nicht fertig bekommen haben. Manchmal ist die Recherchephase bis zum Exposé länger, dafür geht die Bucharbeit flott. Manchmal ist es genau umgekehrt, wir haben ein tolles Exposé und wenn es in das Buch geht, merken wir, dass das nicht greift. Wir haben tatsächlich auch schon mal Sachen innerhalb von drei Monaten aus dem Boden gestampft. Aber in der Regel braucht die Bucharbeit ihre Zeit. Bekanntere Schauspieler wie Wotan Wilke Möhring müssen wir beispielsweise schon zwei Jahre im Voraus buchen. Wir planen und entwickeln auf die Termine hin.

Das Licht geht aus. Ein paar Zuschauer setzen sich zu uns in den Kinosaal. Der Film beginnt mit einer nächtlichen Observierung und einer gewaltsamen Festnahme. Wenig später stellt sich heraus, dass der falsche Mann verhaftet wurde. Doch als die Bundespolizisten [Ermittler Falke (Wotan Wilke Möhring) und Lorenz (Petra Schmidt-Schaller)] am nächsten Morgen auf das örtliche Revier kommen, erfahren sie von dem tödlichen Brandfall in der Zelle. Am Ende des Films stellt sich heraus, dass der Dienststellenleiter einen jungen Polizisten angestiftet hatte, die Matratze des gefesselten Gefangenen anzuzünden. Bedrückte Stimmung im Publikum.

Plenum: Was genau ist Wahrheit, was ist Fiktion?

Krämer: Es ist fast alles so, wie der wahre Fall in Dessau passiert ist. Die Minutenangabe. Die Untersuchung des Leichnams. Die widersprüchlichen Aussagen der Polizisten. Es fiel uns sehr schwer, eine Brücke zwischen der wahren Geschichte und der Dramaturgie zu bauen. Gelöst haben wir das Problem, indem wir eine persönliche Betroffenheit des Protagonisten hinzugefügt haben. Falke bereut es sehr, dass er den Asylbewerber bei der Festnahme verprügelt hat und ihn unschuldig in die Zelle gebracht hat. Das war im echten Fall nicht so. Außerdem haben wir aus rechtlichen Gründen alle Namen und Orte geändert. Und das Ende natürlich. Wir haben versucht den Fall aufzulösen und einen Verdächtigen zu fassen, damit unsere Zuschauer am Sonntagabend in Ruhe ins Bett gehen können. In der wahren Geschichte ließ die Opfer-Initiative ein neues Brandgutachten erstellen. Die Deutschlandflaggen haben wir übrigens nicht an die Fenster gehängt. Die hingen tatsächlich so, als wir in Salzgitter drehten.

Plenum: Darf man bildrechtlich einfach durch die Straßen fahren und Reihenhäuser filmen?

Krämer: Architektur ist kein Problem. Aber allen Menschen, die in dem Film auftauchen, müssen wir die Rechte abkaufen. Meine Kollegen haben einmal für einen Borowski-„Tatort“, während eines Handballspiels hier in Kiel gedreht. Bei solchen großen Events kann man natürlich nicht herumlaufen und von jedem einzeln das Persönlichkeitsrecht abkaufen – in diesem Fall reicht ein Vermerk auf der Eintrittskarte. Eine weitere Herausforderung ist die Vermeidung von Schleichwerbung. Wir müssen darauf achten, dass die Verteilung von Fahrzeugen und anderen Gegenständen der Lebensrealität entspricht. Auch Zeitungen sind ein großes Problem.

Sonne: Bei Suchmaschinen ist das auch so (lacht).

Krämer: Ja, genau. Hier werden wir immer besonders kreativ. In unserer ersten Folge sucht Falke etwas über „Agent-X“. Noch während der Ausstrahlung schrieb uns der Pressesprecher von Google über unseren Live-Chat: „Na, mit Google wäre das aber schneller gewesen.“ (lacht)

Plenum: Warum sind Krimis im deutschen Fernsehen so beliebt?

Krämer: Diese Frage kann ich leider nicht beantworten. Ich verzweifle da selber ein bisschen dran. Auf der einen Seite ist das natürlich gut für uns, aber auf der anderen Seite merke ich auch, wie sich meine Arbeitsweise in den letzten Jahren verändert hat. Ich mache fast nur noch Krimis. Das finde ich eigentlich ein bisschen schade. Und es ist auch schade für die Programmvielfalt. Aber scheinbar lieben die Leute das. Sie können mitraten, können in andere Welten eintauchen und es geht am Ende meistens gut aus. Es wird ein Unrecht hergestellt, das am Ende wieder geradegerückt wird. Diese Krimivorliebe ist wahnsinnig deutsch. In anderen europäischen Ländern gibt es das so nicht. Aber wenn man sich vorstellt, dass am Sonntagabend neun Millionen Leute deinen Film gucken – ist das ein sehr schönes Gefühl (lacht).

Plenum: Sie haben eben von Live-Chats gesprochen. Wie glauben Sie, wird sich das Fernsehen in den nächsten Jahren verändern?

Krämer: Eine schwierige Frage. Vor einigen Jahren habe ich tatsächlich gedacht, dass das Fernsehen tot ist. Meine Kinder gucken kein Fernsehen mehr, die gucken auf ihren Laptops – das ist genau die Generation, die wir verlieren. Die Zahlen allerdings sprechen dagegen. Wir verlieren kein Publikum, aber wir gewinnen auch keines dazu. Mittlerweile glaube ich an die Vorteile des linearen Fernsehens. Ich kenne das von mir persönlich – wenn ich abends Netflix oder Amazon Prime aufrufe, kann ich mich oft nach einer halben Stunde zappen immer noch nicht für einen Film entscheiden. Hinter dem linearen Fernsehen stehen Programmmacher und Redaktionen, die sich für den Zuschauer einen Kopf gemacht haben – ich kann mich dafür entschieden, oder eben nicht. Im Großen und Ganzen glaube ich, dass Veränderungen die Sache beleben. Wir dürfen das nicht als Gefahr, sondern müssen das als Chance sehen. Der „Tatort“-Live-Chat fasziniert mich immer wieder. Am Anfang haben wir sehr viel geantwortet, um den Usern feste Informationen zu liefern. Schnell haben wir aber gemerkt, dass das gar nicht gewollt ist. Letztendlich wollen sich die Leute nur selber darstellen, Feedback geben und hin und wieder schlaue und lustige Kommentare posten – darauf muss man sich einfach einlassen. Das Positive ist, dass wir auf diesem Wege merken, ob und wie der Film funktioniert. Wenn der Film langweilig ist, ist sehr viel Talk im Raum. Wenn er spannend ist, werden die Chatter automatisch ruhiger. Die ersten Täter-Spekulationen tauchen meistens in Minute zwanzig auf. Wir haben alles richtig gemacht, wenn die erste Tätervermutung schnell wieder vergessen wird.

Vielen Dank für Ihren Besuch.

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