Is life a journey or competition? – Wozu eigentlich Frieden der Einigkeit?

Wir müssen ordnen. Aber alles dabei zu komplettieren, gleicht dem Versuch, das Ende des Kreises zu suchen.

Willkommen zurück, willkommen im zweiten Teil unseres kleinen Experiments. Wir haben vor zwei Wochen den Grundstein gelegt, um unsere Eingangsfrage zu beantworten: Life – competition or journey, indem wir Inszenierungsszenarien bewertet und auch aktiv erst einmal wahrgenommen haben – sowohl in Politik als auch Gesellschaft. Was haben wir im Jahr 2016 neben der geübten Selbstdarstellung sonst noch wahrgenommen?

Einige der kommenden Blogartikel beschäftigen sich mit einem Versuch einer verzahnten politischen und gesellschaftlichen Analyse des vergangenen Jahres. Dabei verbinde ich Presseberichte, situative Aufnahmen und Zustände der Flüchtlings- und Sicherheitsdebatte mit Erlebnissen und Gesprächen rund auf dem Campus und meinem sonstigen Lebensweg. Es generieren sich immer wieder unerwartete Parallelen – doch bislang lediglich in meinem Kopf.

Die Teilung, das Auseinanderdriften großer Bevölkerungsteile bei den Fragen der inneren Sicherheit und… und ich denke mir nur: Halt, Stopp – jetzt denke ich hier!

Wann war die Bevölkerung das eigentlich nicht? Seit ich vor der Jahrtausendwende geboren wurde, höre ich in den Nachrichten des Alltags, die Gesellschaft sei gespalten; Die Schere zwischen Arm und Reich klafft weiter auseinander, Liberalismus gegenüber einem kontrollierenden Staat, freie gegen sicherheitsliebende Bürger, Frauenrechtler gegen Fanatiker des althergebrachten Rollenbilds, Patrioten und Weltbürger, Populisten und das ganze Volk. Bipolarität scheint omnipräsent und unvergänglich zu sein.

Aber warum haben wir eigentlich die Intention, dieses Ungleichgewicht in eine Balance zu bringen, die Gesellschaft zu vereinen, Frieden zu stiften? Wer will das? Wer will Frieden? Was bringt Frieden, wenn die lebendige Debatte dabei stirbt? Ist Bipolarität nicht sogar wünschenswert? Vielleicht bedarf es manchmal noch einer Meinung mehr als der von zwei Polen ausgehenden; aber durch unseren unaufhörlichen, menschlichen Drang, Dinge ordnen zu wollen, müssen wir erkennen, dass der Frieden und die Einigkeit dabei nur ein illusionäres Ziel der letzten Träumer – Gott habe sie seelig – unserer Gesellschaft sein kann. Denn ohne die Diversität wäre die Demokratie sinnlos. Also lasst uns streiten, uns bekriegen, wir tun es sowieso, nur anders als früher. Wir brauchen längst keine Waffen mehr um auszumerzen. Dominanz kann die schwache Flamme der Unsicherheit ersticken lassen.

Es sind dunkle Novembertage, die mir wesentlich weniger auf das Gemüt schlagen als anderen, irgendwann da habe ich Geburtstag und in Köln ist um diese Zeit immer Sankt Martin, die Zeit der Laternenläufe… mochte ich schon immer. Trotzdem ist gerade der November ein Monat, der spätestens seit meinem Studienbeginn vor mittlerweile zweieinhalb Jahren wie im Fluge vergeht, mitten in der Vorlesungszeit, Restmotivation vom Semesterstart wird noch bis in den letzten Neuronenkomplex genutzt. Jedenfalls ist es dunkel und ich eile zielstrebig auf einem Friedhof mitten in der Nacht mit einem Freund von Grab zu Gruft. Wir fangen Pokémon. Seit langem unterhalten wir uns über Politikverständnisse. Er, Naturwissenschaftler. Ich, Geisteswissenschaftler. Wir wissen genau, dass wir manchmal ähnliche Ansichten teilen, uns aber auch in einigen Punkten widersprechen. Ihm ist es wichtig, an der gesellschaftlichen Debatte teilzuhaben. Auch über Politik zu reden, da man sich sowohl als Naturwissenschaftler, aber auch als angehender Akademiker sehen kann, wo es zum guten Ton gehört, sich auszukennen und zumindest teilweise aktiv an einer politischen Diskussion teilnehmen zu können.

Er erzählt mir von einer zwingend nötigen Durchmischung der Ministerposten nach einiger Zeit. Durch den andauernden Austausch mit Unternehmensvertretern und Interessenverbänden komme es zu einer unvermeidlichen Beeinflussung derer, die regieren. Ich folgere daraus und aus seiner Unzufriedenheit mit den aktuell für ihn wählbaren Parteien eine deutliche Trennung zwischen etablierter Elite und dem Wunsch nach unabhängigen Experten, die den gesamten Volkswillen vertreten. Was mein dude nicht weiß, ist, dass ich mich seit Beginn des Semesters an der Uni eindringlich mit Populismus und populistischen Parteien beschäftige und dabei alles, was er sagt, unfreiwillig in Politikwissenschaftlern bekannten Begriffsdefinitionen einordne. Unsere Diskussionen sind lang, auch außerhalb von Pokémon Go gehen des Abends fünf- bis zehnminütige Sprachnotizen hin und her. Innere Sicherheit ist ein weiteres Thema, an dem wir lange hängen bleiben. Hitzige Debatten über die Vorkommnisse der letzten Monate. Freiburg, Ansbach, noch wissen wir nichts über das herannahende Berlin. Es ist Unzufriedenheit auszumachen. Unzufriedenheit über das Hinwegsetzen der Regierung über das geltende Asylverfahren, Unzufriedenheit über die unkontrollierte Einwanderung von Massen nach Deutschland. Was man wählen soll 2017, ist die nächste Frage, der wir uns stellen. Nachdem ich mich politisch langsam aber sicher positioniert habe, tendiert er dazu eigentlich gar nicht wählen zu gehen. Vertritt noch eine Partei die richtigen Interessen? Ich versuche ihm zu helfen und sage ihm, dass ich ihm auf Grundlage seiner Argumentation und Weltansicht ganz klar rate, die AfD zu wählen. Viele tun das nämlich, allerdings ohne die tatsächliche Parteiposition abgedeckt oder in Gänze reflektiert zu haben. Mein Rat befremdet ihn. Er beginnt damit, die AfD wähle man ja nicht. Wo jedoch zuvor klare und ehrliche Ansichten zu finden waren, fehlt nun komplett die Argumentation. Ist die AfD böse? Ist die Unsicherheit noch zu groß, sich vom so sehr gewünschten Zugehörigkeitsgefühl zu den Akademikern zu entfernen, wenn man die AfD wählt?

Ich denke, es ist eine Selbstverständlichkeit, dass Menschen für die Dinge und Positionen einstehen, die sie für richtig halten. Die einen mehr, die anderen weniger extrovertiert. Diese Grundannahmen sind nun einmal unterschiedlich. Was ist also das Ziel, wenn wir für Einigkeit, Gerechtigkeit, Weltfrieden werben? Vielleicht nur, den Glauben am Leben zu erhalten, weiterhin für das Richtige in unserem Kopf zu werben und das Verlangen des Menschen mehr zu sein als ein ultrarationales Wesen, das nur nach egoistischem Prinzip versucht, sich an der sozialen Leiter nach oben zu hangeln. Doch wenn wir uns die Demokratie als System der Volkssouveränität ausgesucht haben, müssen wir alle Meinungen zulassen und dürfen sie eben nicht unterdrücken oder uns selbst davon entfremden oder, noch schlimmer, uns für unsere eigene Position schämen und sie leugnen. Es ist in Ordnung, die AfD zu wählen, wenn man ihre Ansichten wirklich teilt. Dadurch wird man nicht zum Anti-Demokrat – im Gegenteil – man hält die Diskussion und Vielfalt am Leben. Viele Menschen sehnen sich offenbar nach einer Partei rechts der CDU/CSU, da die Nachfrage offensichtlich vorhanden ist und darüber hinaus ganz neue Möglichkeiten eröffnet, wie beispielsweise den amtierenden Parteien (um das Wort etablierten zu vermeiden) wieder einen Wahlkampf von links und rechts. Vielleicht müssen wir die Chancen der Uneinigkeit sehen und dabei wieder streiten, um daraus auf Grundlage des Demokratieprinzips die Mehrheit sich kompromissbehaftet durch die Debatte durchsetzen zu lassen. Denn nur das ist wahre Toleranz.

Wozu die Konfrontation scheuen, wenn sie von beiden Seiten als fair angenommen wird?

Was der Naturwissenschaftler nun wählt in unserem Superwahljahr? Ich weiß es nicht. Vielleicht die CDU, da er mit ihr in Teilen zufrieden war, wenn nun alle regelmäßig Minister ausgetauscht würden. Gar nicht, um einen Denkzettel auf der einen Seite zu verpassen, auf der anderen Seite vielleicht auch um dem persönlichen Ringen um Positionierung zu entgehen? Vielleicht die AfD. Alles ist möglich. Was wähle ich? Hahaha, Wahlgeheimnis, ihr Flegel! Nein, im Ernst; ich würde mich nicht davor scheuen, die AfD zu wählen, allerdings tue ich das bei ihrem aktuellen Politikverständnis nicht.

Dies soll an jener Stelle für diese Woche genügen. In den nächsten Tagen steht dann der letzte Teil unserer Reihe an, in dem wir uns durch einen stärkeren Bezug zu unserem CAU-Campus und einem einjährigen Selbstexperiment der gelebten Realität bei Gefühlen des Fremdseins annähern und Reaktionen beobachten und auswerten. Wir begeben uns mit Lonsdale-Handschuhen, pinken Hemden und arabisch getrimmten Bärten in die Mitte der politischen Diskussion, um damit endlich unsere Ausgangsfrage beantworten zu können. Is life a journey or competition?

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Manjit Kohler

Über Manjit Kohler

Manjit Kohler (21) zog 2014 von seiner Heimatstadt Köln nach Kiel, um den deutschen Norden zu erkunden. Seither studiert der gebürtige Rheinländer mit indischen Wurzeln an der CAU Politikwissenschaft und Geschichte. In seiner Freizeit interessiert er sich für Fußball, Fantasy-Stories wie beispielsweise Game of Thrones und Euro-Dancemusic.

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