Möwendilemma

Sie kam im Sturzflug, schnappte blitzschnell zu: Eine Silbermöwe raubte mir mein Brötchen mitten auf dem Parkplatz der Universitätsbibliothek. Wer einmal einen solchen Vogelangriff erlebt hat, der weiß, dass viele Möwen auch um den kleinsten Bissen kämpfen. Es war nicht das erste Mal, dass mein Essen zur Beute einer diebischen Möwe wurde. Doch bisher kannte ich Attacken dieser Art nur von besonders mutigen Vögeln direkt an der Küste: Die Möwen auf dem Universitätsgelände waren mir bisher nur durch ihr lautes Geschrei aufgefallen. Das einschneidende Erlebnis auf dem Parkplatz sensibilisierte mich für das Tier, das Studierende der Christian-Albrechts-Universität sowohl begeistert als auch verärgert. Ich beschloss ihren Lebensraum auf der Universitätsbibliothek näher zu erkunden.

Der Kunstvogel dreht hier nicht aus Dekorationsgründen seine Runden

Weit oben in der Luft über dem Dach der Universitätsbibliothek zieht seit mehreren Wochen ein Greifvogel seine Kreise. Was auf den ersten Blick wie ein Adler aussieht, stellt sich beim genaueren Beobachten als Attrappe heraus. Der Kunstvogel dreht hier nicht aus Dekorationsgründen seine Runden – er soll die Sturmmöwen davon abbringen auf dem Flachdach der Universitätsbibliothek ihr Nest zu bauen.

„Vielleicht kann er zumindest ein paar Möwen davon abhalten dort zu nisten.“

Der stellvertretende Direktor der Bibliothek Rainer Horrelt weiß, dass sich die Möwe nicht so einfach vom Nisten abhalten lässt. Sie ist ein schlauer Vogel und gewöhnt sich schnell an die Attrappe. Ihr Lieblingsplatz ist das Dach mit Sicherheit nicht, die natürlichen Brutbestände der Sturmmöwe sind in den letzten Jahren massiv zurückgegangen, deshalb weicht sie in die Stadt aus. „Der Kunstvogel soll vor allem zur Vorbeugung dienen. Vielleicht kann er zumindest ein paar Möwen davon abhalten dort zu nisten“, erklärt Horrelt. Sobald die Möwe allerdings Anfang Mai zu Brüten beginnt, darf keiner mehr auf das Dach der Bibliothek. „Auch wenn die Möwe uns viel Arbeit macht, ihr Schutz liegt uns sehr am Herzen. Es ist uns wichtig, dass die Möwen ohne Einfluss des Menschen in Ruhe brüten können“, sagt Horrelt.

Er zeigt auf die Fenster und Fassaden der Bibliothek. Sie sehen so aus, als hätte jemand sie mit weißer Farbe bepinselt: Alles voller Möwenkot. „Das ist erst der Anfang“, so der Leiter der Bibliothek. Im fünfstelligen Bereich liegen die Kosten, um die Reinigung des gesamten Bibliotheksgebäudes jährlich zu finanzieren. Je mehr Möwen desto mehr Begleiterscheinungen treten auch auf: Fahrräder, Kleidung und Fenster – nichts bleibt von dem Kot der Möwen verschont. Auch Germanistikstudent Jurek wurde Zeuge von einer solchen Kotattacke. „Es war in einer Situation, als ich mit etwa 20 Leuten vor der Bibliothek auf den Bus gewartet habe, als ein regelrechtes Möwengeschwarder im Sturzflug auf uns