Is life a journey or competition? – Von Londsdale-Handschuhen und dem Dubai-Style

Finale: Nach drei theoretischen Teilen erliegen wir zum Ende der Reihe der Versuchung, die Erfahrungen und Gedanken zur Inszenierungsfähigkeit, Konfliktfreudigkeit und der Aktivität, das Richtige zu tun, in der Praxis in Form eines Selbstexperiments zu erleben. Letzte Woche waren wir bei unserem Antrieb und unserer Motivation stehen geblieben.

Eben jene Kraft liegt jedoch weder in der Kontinuität unserer Handlungen noch im Konkurrenzbewusstsein – sie liegt in unserer uns selbst antreibenden Motivation. Diese Erholungsphasen sind das Gegenteil des Wettbewerbs. Wobei Erholung hierbei jedoch nicht mit Entspannung gleichzusetzen ist – die Phase des Kraftschöpfens kann ein Glücksmoment, Freude, Gemeinschaft, Geborgenheit sein, ebenso aber auch das genaue Gegenteil – Unzufriedenheit, Angst, Hass, Liebe – emotionale Momentaufnahmen, die einen über Anstrengungen, die wir uns sonst nicht einmal im Entferntesten zutrauen, hinwegtragen.

Um den letzten Abschnitt zu erklären, springen wir wieder ins Hier und Jetzt; „You raise me up, so I can stand on mountains…“ lauten die ersten Worte eines Songs des Norwegers Rolf Løvland. Es sind Momente, die man gefühlt haben muss, um sie zu verstehen. Viele haben das Glück, Menschen zu kennen, die sie täglich aufbauen, die einem helfen, den roten Faden, die klare Linie oder was auch immer im Leben zu behalten. Gleichzeitig schränkt jedoch genau das die eigene Phantasie und unsere innere Freiheit ein: „Die Meinung der anderen ist mir egal – ich mach‘ einfach mein Ding“, ist eine der größten Lügen, die wir uns selbst immer wieder vorgaukeln, um zu glauben, wir seien frei. Die Meinung der anderen ist uns jedoch nicht egal; es beginnt bei dem täglichen Zurechtmachen vor dem Spiegel über die Auswahl aus dem Kleiderschrank, die Art und Weise wie und wie viel wir von einer Mahlzeit zu uns nehmen, die Wahl des Verkehrsmittels, mit dem wir zur Arbeit kommen – ja sogar die Auswahl unseres Charakters, wenn wir im Alltag mit Menschen in Kontakt sind. Stimmlage, Haltung, Aktivität, Reaktion und Dauer des Vertrauens.

Was ist jedoch, wenn wir uns einmal das Privileg herausnehmen, Außenseiter zu werden? Wie wird man zum Abgehängten, zum Missverstandenen, vielleicht sogar zum „Wut-Bürger“? Versuchen wir es ein Jahr lang im Selbstexperiment.

Wie könnte ich zur Minderheit werden, frage ich mich lange Zeit am Schreibtisch des letzten Jahres im März 2016. Ok – ich komme aus Köln, habe einen indischen Migrationshintergrund und bin erfahrener Domsängerknabe, das muss reichen – Spaß beiseite. Ich habe nicht die Ausdauer, zur Minderheit zu werden – der Wechsel muss radikal einschneidend sein. Also suchen wir uns von allem etwas. Nach einem Besuch in der Frauenabteilung von New Yorker komme ich mit einem lockeren, hellgelben Modeschal und einem pinken slim-fit Hemd heraus. Gleichzeitig wird es Zeit für eine neue Trimmung des auf Stufe 5 rasierten Barts – der Dubai-Sichel-Style wird etabliert. Doch auch das ist noch nicht genug. Der goldenen Uhr folgt das Königs-Accessoire: ein Paar schwarze Londsdale-Lederhandschuhe. It ’s the fucking new gen!

Der Farbenwechsel kann die Außenwirkung verändern.

Unerwarteter Weise gefalle ich mir in dem neuen Style im Spiegel noch viel mehr als sonst – auch wenn das schwer ist. Nun bleiben wir jedoch bei der wissenschaftlichen Betrachtungsweise. Wir steigen langsam auf die Bühne; die ersten Auftritte im neuen Outfit sind auf Poker-Turnieren und Partys. Hier geht so ein Aufzug schon mal als Verkleidung durch. Ich bekomme durch die Ausgefallenheit Zuspruch von allen Seiten. Auch deutlich gesteigerte Aufmerksamkeit stelle ich fest, es bringt einen fast in einen Rausch. Gleichzeitig muss ich mich jedoch ab jetzt auch immer häufiger selbst erklären. Warum machst du das? Um den Test nicht zu verfälschen, rede ich das ganze Jahr nicht einmal mit meinen engsten Freunden über das Experiment. In Rückbetrachtung ist es fast lustig, dass genau diese doch die wenigsten Fragen dabei gestellt haben. Vermutlich gibt es bei jeder Freundschaft irgendwann ein Level, bei dem die Äußerlichkeiten kaum noch eine Rolle spielen im Gegensatz zur Kennenlernphase davor.

Eine Aufmerksamkeitssteigerung ist nicht mit einem höheren Erkennungswert gleichzusetzen.

Zwei Wochen später. Ich komme mir wacher vor als jemals zuvor in meinem Leben. Ich spüre den ständigen Fokus auf mir, egal wo ich mich blicken lasse. Es ist als seien in jeder öffentlichen Zone tausende Augen auf dich gerichtet. Am schwersten ist es an der Universität selbst. An einem Ort, wo jugendliche Unsicherheit mit überzeugter Wissenschaft zusammentreffen, versetzen gebrochene Einordnungsschemata die sozialen Bewertungsmuster ins Chaos. Genau dieses Chaos ist jedoch ein befriedigendes Gefühl. Dadurch, dass deiner Umgebung das Einordnen nicht mehr möglich ist, wird man selbst freier in seinen Handlungsweisen. Die Kehrseite der Medaille bleibt dabei die ungewohnt gesteigerte Beobachtung durch andere. Und das sind nur Erfahrungen solange man selbst passiv bleibt. Ich besuche zum Start des Sommersemesters diverse Seminare – die interessanteste Wahl in meiner neuen Hülle ist ein Konservativismus-Seminar, in dem der Seminarleiter uns zu unseren Einschätzungen bezüglich des Themenkomplexes einleitend fragt, was wir vom Konservativismus halten. Ich bemerke dabei, wie sehr das Sein den Schein bestimmt. Für meine sonstige Empfindung bin ich unnatürlich nervös. Ich frage mich, was passiert, wenn ich mich von der passiven Aufmerksamkeit ausgehend noch dazu selbst in den Vordergrund stelle. Zusammenfassend lässt sich für diese Erlebnisse festhalten: Die Aufmerksamkeit ist da – das Verständnis oder Verstehen über die Persönlichkeit fehlt. Und dabei muss erwähnt werden, dass ich bei diesem Experiment nur die äußere Erscheinung verändert habe. Man wird durch die Besonderheit zum Beobachteten, übermäßig betrachtetem Objekt, die meisten scheinen jedoch den engen oder alleinigen Kontakt mit meiner angelegten Rolle zu meiden. Sie haben Angst. Man merkt dies an der Wahl ihrer nichts aussagenden Floskeln, der Stille und der trotzdem anhaltenden Unruhe in ihrem Inneren. Was ihnen diese neu konstruierte – nebenbei allein aufgrund der Auswahl völlig absurde – Persönlichkeit sagen will, bleibt für sie ein Rätsel.

Die eigenen Leute stellen meist die wenigsten Fragen zur Äußerlichkeit

Auch auf Seminarfahrten lasse ich das Outfit an. Hier trifft man schnell neue Leute und kann die Reaktionen noch besser beobachten. Lustig sind auch die Behauptungen vieler, sie verstünden die Wahl des Aufzugs, wenn man persönliche Gründe dafür anführt. Allerdings allein dadurch, dass jedoch dieselben Fragen nach wenigen Stunden wiederholt werden oder die Gespräche viel früher als sonst zum Stillstand kommen, merkt man, wie es eben doch am jenem Verständnis fehlt. Die Gesprächspartner finden in der Kommunikation mit der jungen Person mit dem hellgelben Schal niemanden, den sie in sich selbst erkennen können. Ich komme zum Schluss, dass ich meinen Mitmenschen durch die neue Außenseiterrolle mehr Angst mache als mir selbst. Für ein stichhaltiges Ende könnte hier nun stehen, wie die Außenseiterrolle mich während des Jahres hat einsam werden lassen oder dass ich Wutgefühle entwickelt hätte. Doch wie in jedem Experiment bestätigt sich die Hypothese nicht zwangsläufig in der Praxis – im Gegenteil; meine Rolle gab mir eine neue Erfahrungsspielwiese, die durch Missverstehen und konfuse Momente mit meinen Mitmenschen noch gestärkt wurde. Immerhin ist jedoch die Ausgangsvermutung der zwingend notwendigen Erfahrungswerte bedeutend für das Erkennen einer Außenseiterrolle sowie deren Freiheiten und Konsequenzen. Die letzteren schlagen sich in fehlendem Verständnis beim Gegenüber nieder oder versuchter Toleranz, die aber nicht greifen kann, wenn sich beide Personen nicht in einander wiedererkennen können.

Was bleibt…

Erst einmal allen, die es bis hierhin geschafft haben, einen herzlichen Glückwunsch. Mir selbst ist vor allem der letzte Teil unserer Analyse am schwersten gefallen, in Worte zu fassen und man könnte jeden der Sätze noch einmal mit derselben Länge des Blogartikels erklären, was aber den Rahmen dieser Textart bei weitem sprengen würde. Festhalten lässt sich außerdem; zum Leben brauchen wir stets einen Antrieb, den wir nicht aus dem stetigen Konkurrenzkampf des Alltags ziehen können. Die Art der Persönlichkeit, wer wir sind oder was wir darstellen wollen, gibt dabei jeweils differenzierte Motivationsschübe. die uns im Laufe unserer Persönlichkeitsentwicklung auf eine Reise schicken, die Grenzen, Ängste und Hürden des Seins neu zu definieren.

Is life a competition or a journey? I ‚d say, it ’s the mixture of characters we offer, which are reflected by the people we meet, who give us the essence for a good life.

In diesem Sinne – bleibt gesund!

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Manjit Kohler

Über Manjit Kohler

Manjit Kohler (21) zog 2014 von seiner Heimatstadt Köln nach Kiel, um den deutschen Norden zu erkunden. Seither studiert der gebürtige Rheinländer mit indischen Wurzeln an der CAU Politikwissenschaft und Geschichte. In seiner Freizeit interessiert er sich für Fußball, Fantasy-Stories wie beispielsweise Game of Thrones und Euro-Dancemusic.

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