„Rein wissenschaftlich lässt sich das 2 Grad Ziel von Paris nicht begründen“

Die CAU forscht und lehrt nicht nur viel zu den Themen Umweltschutz und Nachhaltigkeit, sie hat sich auch ein eigenes Ziel gesetzt: Der eigene Universitätsbetrieb soll bis 2030 weitestgehend klimaneutral werden. Um den eigenen CO2-Ausstoß zu reduzieren, ergreift das Umweltmanagement der CAU viele Maßnahmen und Kampagnen. Kürzlich hat das Team von klik (klik – klima konzept 2030) eine Interviewreihe gestartet. Renommierte Professoren erklären, warum der Klimaschutz noch ernster genommen werden muss und wie der Konsum nachhaltiger gestaltet werden kann. Die Interviews erscheinen als Gastbeiträge auf dem KN-College-Blog. Sie lesen ein Interview mit … Professor Konrad Ott.

Er ist seit 2012 Professor für Philosophie und Ethik der Umwelt an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Zuvor war er seit 1997 Professor für Umweltethik an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald im Fach Umweltethik.

klik 2030: Woran forschen Sie derzeit im Kontext von Umwelt- und Klimaschutz?

Prof. Ott: In Bezug auf Klima arbeiten wir seit mehreren Jahren an einem DFG-Forschungsprojekt, bei dem es um die Frage nach den Möglichkeiten und der Zulässigkeit verschiedener Formen des sogenannten Climate Engineering geht. Climate Engineering sind Technologien, die man einsetzen könnte, wenn man den Ausstoß von Treibhausgasen nicht deutlich genug reduzieren kann, um dann gewissermaßen kompensatorisch die Erde abzukühlen. Man unterscheidet zwischen „carbon dioxide removal“ und dem sogenannte „solar radiation management“.  Letzteres beruht auf der Idee, durch die Einbringung von Schwefelpartikel in die Stratosphäre die Erde abzukühlen. Und wir untersuchen, unter welchen Bedingungen und ob überhaupt so etwas moralisch oder ethisch zulässig sein könnte.

Das klingt jetzt erstmal sehr naturwissenschaftlich. Inwiefern ist da die Ethik notwendig und was erwarten Sie von der Forschung?

Prof. Ott: Die Klimaethik beschäftigt sich mit den normativen Fragen. Sie setzt gewissermaßen das Naturwissenschaftliche voraus. Dabei beschäftigten wir uns mit verschiedenen Fragen. Beispielsweise: Welches globale Klima-Ziel kann man rechtfertigen? Da gibt es jetzt in Paris das Ziel von unter 2 Grad globaler Erderwärmung verglichen mit vorindustriellen globalen Mitteltemperaturen. Und die Frage ist: Wie lässt es sich begründen, dass ein solches Ziel gerechtfertigt ist? Oder könnte es Gründe geben, um vielleicht sogar eher noch höchstens 1,5 Grad an Erwärmung als Ziel anzustreben? Solche Ziele können Sie niemals rein wissenschaftlich begründen. Denn sie brauchen immer irgendwelche normativen Prämissen, die dann etwas mit langfristiger Verantwortung zu tun haben, mit Ansprüchen zukünftiger Generationen an uns. Das ist eine klar normative Frage.

Wenn wir sagen, wir müssen die Treibhausgasemissionen stark reduzieren, dann haben wir natürlich ein endliches globales Budget an CO2-Emissionen, die noch zulässig sind. Dann haben wir ein Knappheitsproblem. Und in dem Moment, wo wir ein Knappheitsproblem haben, bekommen wir ein Verteilungsproblem. Wer darf noch wie viel bis wann emittieren? Und wie wollen wir das knappe Budget verteilen? Das ist eine Frage der sogenannten distributiven Gerechtigkeit, also der Verteilungsgerechtigkeit, die immer virulent wird, wenn Knappheit auftrifft. Auch in diesem Fall ist die Klimaethik notwendig, um verschiedene Lösungsansätze aufzuzeigen und diskutieren.

Welche Rolle sollten Hochschulen beim Thema Umwelt- und Klimaschutz einnehmen?

Prof. Ott: Ich war acht Jahre lang im Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung. Dort haben wir viel zum Klima gearbeitet und ich habe immer für eine Vorreiterrolle plädiert. Bestimmte Länder, bestimmte Regionen auch Städte, auch Institutionen und Firmen können freiwillig mehr tun als ihnen das Gesetz vorschreibt. Und gerade Universitäten könnten eine solche Vorreiterrolle übernehmen. Denn Universitäten sind natürlich gerade im Wintersemester Energieverschwendungsmaschinen. Das hat etwas damit zu tun, dass der Hochschulbau in den 1970er Jahren forciert wurde und wir viele Gebäude haben, die aus dieser Zeit stammen und die energetisch überhaupt nicht mehr auf dem neuesten Stand sind und es laufen natürlich viele Großgeräte, die auch Strom verbrauchen. Es steht jeder Universität gut zu Gesicht, wenn sie schaut, wo man tatsächlich reduzieren kann.

Sie sind jetzt seit 20 Jahren Professor für Umweltethik. Wie hat ihre Forschung, ihre Arbeit mit dem Thema Ethik der Umwelt und die damit gewonnenen Erkenntnisse ihre persönliche Lebensweise verändert?

Prof. Ott: Ich lebe im Grunde nicht viel anders, als vor 20 Jahren. Natürlich habe ich immer versucht, meinen privaten CO2-Fußabdruck so klein wie möglich zu halten. Man wird ja beispielsweise zu internationalen Konferenzen eingeladen. Und ich habe gesagt: Nein, ich werde nicht in die USA oder nach Australien fliegen, um einen halbstündigen Vortrag auf der Konferenz halten zu können. Dann ist man auf bestimmten Konferenzen eben einfach nicht präsent. Wenn ich mal auf eine Konferenz fliege oder eine längere Strecke unterwegs bin, kompensiere ich. Ich gehe zu myclimate.org, gebe da meine Emissionen an und dann bekomme ich dafür eine Rechnung, die ich bezahle. Mit den eingegangenen Geldern werden in den Ländern des globalen Südens sehr schöne Umweltschutzprojekte durchgeführt.

In welchem Zustand sehen Sie die deutsche Gesellschaft in Bezug auf Umwelt- und Klimaschutz?

Prof. Ott: Also Deutschland hat auch mal ein Lob verdient. Wir sind bestimmt nicht perfekt, aber weltweit sind wir Vorreiterland. Wir sind eines der wenigen Länder, die tatsächlich aus bestimmten historisch kontingenten Gründen seit 20 Jahren immer weniger emittieren. Wir haben die Energiewende auf den Weg gebracht, die mittlerweile parteiübergreifend unterstützt wird. Wir schaffen es gleichzeitig aus der Atomkraft und dann mit einiger Verzögerung allmählich aus der Kohleverstromung raus zu gehen. Der parallele Ausstieg Atomkraft und Kohle ist für ein Industrieland mit über 80 Millionen Einwohnern natürlich keine ganz leichte Aufgabe. Und wir tun das und behalten gleichzeitig wesentliche industrielle Kerne im Land. Wir deindustrialisieren uns nicht. Wir setzen nicht alles auf die Karte Dienstleistung. Wir behalten Maschinenbau, Auto, chemische Industrie und vieles mehr im Lande, die natürlich energieintensiv sind. Das ist keine ganz leichte Aufgabe. Und ich würde mir tatsächlich wünschen, wir wären im Jahre 2050 80 bis 90 Prozent unter den Emissionen des Jahres 1990 im Stromsektor.

Welche politischen Ziele halten Sie für realistisch und welche für unrealistisch?

Prof. Ott: Wo es am meisten im Argen liegt, ist der Verkehrssektor. Denn da haben wir viel zu wenig Erfolge. Und das, was wir durch die besseren Motoren sparen, wird durch eine gesamt höhere Fahrleistung in Deutschland wieder kompensiert. Da müssen wir uns dann überlegen, wie wir uns ganz allmählich vom Verbrennungsmotor verabschieden. Und vor allem dann die Frage, wo wir genug Strom aus erneuerbaren Energiequellen herbekommen, um tatsächlich Elektromobilität in der Fläche umsetzen zu können. Ich bin nicht sicher, ob der Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor so schnell gehen kann, wie manche hoffen, aber den Anfang vom Ende des Verbrennungsmotors sollten wir einleiten. Der Verkehrssektor ist gewissermaßen der Bereich, in dem die Politik noch am meisten machen müsste. Da muss man beispielsweise über die Instrumentenebene reden. Beispielsweise durch eine Maut. Ob es mit der jetzt beschlossenen Form zu einem Klimaeffekt kommen kann, ist alles andere als sicher. Es ist egal, ob ein CO2-Molekül auf der Autobahn oder der Landstraße emittiert wird. Es könnte auch passieren, dass die Maut gewisse Verlagerungseffekte zur Folge hat, dass man sich der Maut entziehen möchte, in dem man auf die Landstraße ausweicht und dass man dann gewissermaßen negative Effekte hat beim CO2-Ausstoß. Ich hätte mir da viel eher eine CO2-Steuer gewünscht, die unabhängig davon ist, welchen Straßentyp man nutzt. In jedem Fall sollte man ein Tempolimit auf Autobahnen einführen und die Pendlerpauschale auslaufen lassen.

Das Interview führte Jan Voß, Klik 2030 Christian-Albrechts-Universität Kiel.

 

2 Gedanken zu „„Rein wissenschaftlich lässt sich das 2 Grad Ziel von Paris nicht begründen“

  1. Ernst Schliemann

    1. Eine Klimaerwärmung hat es schon früher in offensichtlich regelmäßigen Zyklen gegeben – ohne das daran Dieselmotoren schuld waren. Der Name Grönland sagt da vieles.
    2. Die größten Abkühlungen kamen mit Vulkanausbrüchen, deren Aschewolken die Sonneneinstrahlung abschotteten. Kann dies bedeuten, dass immer klarere Luft letztlich die Erwärmung durch nunmehr stärker wirkende Sonneneinstrahlung fördert ?

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.