Kommentar: Der irre Kaufrausch an Weihnachten

Vor knapp zehn Jahren habe ich meinen ersten Nebenjob im Einzelhandel begonnen. Seit dem bin ich aus dieser Branche irgendwie nicht mehr herausgekommen, obwohl ich es mir oft gewünscht hätte. Leider kommt man nirgends schneller und einfacher an einen Job. Zu schlecht bezahlt, zu undankbar ist die Arbeit, als dass man sich groß gegen Konkurrenz durchsetzen müsste. Für viele Arbeiten braucht es auch keinerlei Aus- oder Vorbildung. Kein Wunder also, dass sich inzwischen (gefühlt) mehr als die Hälfte aller Mitarbeiter in Läden und Supermärkten aus Schülern und Studenten zusammensetzt, die für den Mindestlohn schuften. Besonders während der  Weihnachtszeit macht sich der hemmungslose Kaufrausch bemerkbar.

Der ganz normale Wahnsinn

Dass jeder von uns regelmäßig Einkaufen gehen muss, leuchtet mir ein. Dagegen ist auch nichts einzuwenden. Einzuwenden habe ich etwas gegen die Laune der Kundschaft. Klar, es gibt immer freundliche und und weniger freundliche Menschen. Das spiegelt sich logischerweise auch in den Hallen unserer Konsumtempel wieder. Mal begegnet man sehr zuvorkommenden und höflichen Leuten und ein anderes Mal möchte man den Kunden am liebsten wieder vor die Ladentür setzen. Solange man sich selbst als studentische Aushilfe im Einzelhandel sagen kann, dass es sich „nur um schlechte Ausnahmen“ handelt, ist es gut möglich, Beleidigungen oder Wutausbrüche zu ignorieren. Schade ist aus meinen Augen aber, dass Stress die Laune aller Menschen negativ beeinflusst. Besonders zu Weihnachten färbt die allgemeine Hektik spürbar auch auf Personen von sonst eher ruhigem Gemüt ab. Mir geht es ja selbst so, wenn ich im Laden an dutzend Schlangen warten muss, um zum Leergut-Automaten, zur Fleischtheke und zur Kasse zu gelangen. Darin liegt auch das größte persönliche Problem, das ich mit Arbeit an Weihnachten im Einzelhandel verknüpfe. Prinzipiell erledigt man die Arbeiten, die man sonst auch ausführen muss. Nur ist es in der Weihnachtszeit eben Arbeit der Superlative. Das zerrt immer an den Nerven. Am einfachsten wäre es sicherlich, wenn die Läden zu den Feiertagen nicht so überfüllt wären. Mit Sicherheit würden sich das auch die meisten Kunden wünschen. Allerdings steht hier jeder selbst in der Pflicht, sein Konsumverhalten zu reflektieren und gegebenenfalls anzupassen. Wer nicht vorausplant, darf sich eben auch nicht wundern, wenn er in den Sog derer gerät, die alles auf den letzten Drücker erledigen müssen. Wenn ich selbst nicht so viel arbeiten müsste, würde ich die Zeit ja lieber entspannt bei Freunden und Familie verbringen.

Du bist, was du kaufst

Unsere Gesellschaft ist keine Wertegemeinschaft, sondern ein Konsumkonglomerat. Warum? Weil wir unsere Werte durch Konsum definieren. Bei meiner kleinsten Schwester, die in der Unterstufe ist, bekomme ich ein wenig mit, wie Identität und Gruppenzugehörigkeit via Materialismus definiert werden. Wenn da zu Weihnachten nicht das Wunschhandy unterm Baum liegt, sind die Tränen groß. Traurigerweise war ich in dem Alter nicht anders. Woher unsere Sucht nach Dingen stammt, würde ich sehr gern mal erfahren. Fakt ist, dass sich im Leben stets viel zu viel Unrat ansammelt. Als ich vor Jahren zum Studieren nach Kiel gezogen bin, passten alle meine Klamotten in den Kofferraum eines Durchnitts-PKW. Jetzt bräuchte ich für einen Umzug mindestens einen Bulli, da sich mein Krempel vom Volumen her locker vervierfacht hat. Ich entdecke sogar immer, wenn ich aufräume, Sachen, von denen ich gar nicht mehr wusste, dass und warum ich sie habe. Übrigens ist Aufräumen nur deshalb nötig, weil ich sonst im Chaos von Gütern ersticken würde. Warum tue ich mir also so etwas an? Wenn ich schon allein daran denke, wie häufig ich Schnickschnack, der für mich früher unterm Weihnachtsbaum lag, genutzt habe, bevor er in der Ecke einstaubte und im nächsten Jahr durch ein Nachfolgemodell ersetzt wurde, wird mir schlecht. So viele Ressourcen – für zwanzig Stunden Vergnügen. Alles nur, damit ich bessere Sachen mit mir herumschleppe als meine Nachbarn.

Endlich zur Besinnung kommen

Ein so geartetes Konsumverhalten, wie es die meisten Westler an den Tag legen, stammt aus dem letzten Jahrhundert. Massenfertigung, Arbeitsteilung, Fließbänder, Roboter, Welthandel und Globalisierung, Internet – nach den sozialen Umwälzungen im Zuge der Industrialisierung und zwei verheerenden Weltkriegen war es sicherlich schön, dass nach all den genannten Entbehrungen endlich mehr Menschen den Wohlstand genießen konnten. Jetzt, im 21. Jahrhundert, machen sich allerdings die Nebenwirkungen bemerkbar. Klimawandel und wachsende Verarmung kommen schließlich nicht aus heiterem Himmel über uns. Mit Weihnachten hätten wir indes die perfekte Gelegenheit, uns unseres Verhaltens zu besinnen. So wie Jesus seinerzeit die Händler aus dem Tempel warf, könnten und sollten wir zumindest an Weihnachten mal dem Mammon abschwören. Konsum hat wenig mit Nächstenliebe und viel mit Selbstsucht – ich möchte gar sagen „Selbstbefriedigung“ zu tun. In vielerlei Hinsicht ist Weihnachten zweckentfremdet und ins Gegenteil verkehrt worden. Mit Nächstenliebe haben die Feiertage für viele nur noch wenig zu tun. Stattdessen ist es ein Familienfest geworden. Das ist durchaus positiv, da man seine eigene Familie heutzutage ohnehin viel zu selten sieht. Auf der anderen Seite ist es aber gleichsam schrecklich, dass so viele Menschen ihre Familie eben nur noch an Weihnachten sehen und vermutlich ganz auf einen Besuch verzichten würden, wenn es diesen Feiertag nicht gäbe. Davon abgesehen steht Weihnachten neben schlechtem Wetter und ausverkauften Flügen in die Südsee für hohe Einbruchzahlen, Scheinheiligkeit (weil an keinem anderen Tag die Kirchen so gut besucht sind), Gewichtszunahme und nicht zuletzt Chaos in der Innenstadt. Womit wir wieder beim Thema wären.

Zu wenig Personal

Denn die höhere Konsumfreudigkeit zu den Festtagen führt zwangsläufig zu mehr Kundschaft und damit auch zu mehr Arbeit. Zu keiner anderen Zeit wollen mehr Menschen gleichzeitig etwas von einem. Auf dem Boden der Tatsachen wünscht man sich dann gern ein zusätzliches Paar Arme. Doch es gibt es auch schöne Momente zur Weihnachtszeit im Einzelhandel. Denn dann sieht man im Laden plötzlich Kollegen herumlaufen, von deren Existenz man die ganzen vorherigen Monate nicht einmal ahnen konnte. In dieser Beziehung erinnert mich Weihnachten im Einzelhandel ein wenig an den Pflegenotstand in unserem Land. Zu wenig Personal, Überstunden, schlechte Bezahlung, körperliche und seelische Belastung und lauter verzweifelte Menschen, die planlos umherschweifen und jemanden zum Reden suchen. Zumindest war es in allen Unternehmen, in denen ich bislang tätig war, (und das waren einige) so. Dabei spielt es keine Rolle, ob man an der Kasse sitzt, Leergut sortiert oder Getränke in die Regale räumt. In allen Abteilungen kämpft man mit den Auswirkungen von Einsparungen beim Personal. In elf Monaten des Jahres kann man das noch einigermaßen ausgleichen. Da hat man Kraft für Überstunden und allgemein ist der Andrang und die Jagd auf Rabatte nicht so schlimm. Sobald es auf den Dezember zugeht, ändert sich das jedoch. Dann werden die Schlangen an der Kasse länger, die Parkplätze voller, die Waren in den Regalen schneller vergriffen. Nun könnte man diese Lücken mit zusätzlichem Personal schließen. Tatsächlich geschieht dies auch. Es werden mehr Kassen besetzt und mehr Leute in den Abteilungen eingesetzt. Allerdings ist es Mitnichten so, als wäre dieses Mehr an neue Arbeitsplätze gekoppelt. In Wirklichkeit ändert sich der Personalbestand zu Weihnachten nur marginal. Klar, ein paar neue Leute werden eingestellt. Allerdings nur dann, wenn davon auszugehen ist, dass im neuen Jahr andere Leute gehen. Niemand stellt gern für einen Monat Unmengen neuer Leute ein. In der Summe wird die Arbeit deshalb nicht auf neue Schultern verteilt, sondern werden die alten Schultern einfach stärker belastet. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass der Winter zugleich die Zeit der Krankschreibungen ist. Weihnachten bringt eine spürbare Mehrbelastung mit. Nicht nur in den Märkten vor Ort, sondern auch bei allen anderen Unternehmen, die an den Einzelhandel gekoppelt sind – etwa Produzenten oder Zulieferer.

Highlights von der Front

Nun habe ich viel gemeckert und verallgemeinert, aber wenig Konkretes geschrieben. Wie genau kann man sich so einen Arbeitsalltag also vorstellen? Prinzipiell ist das eine Frage der Tätigkeit, denke ich. Ist man beispielsweise dazu eingeteilt worden, die Boxen mit Einkaufswägen zu leeren, wird einem vor allem der Fahrstil der Mitbürger sauer aufstoßen. Da werden nicht nur Tempolimits nicht eingehalten, sondern auch die vorgeschriebene Fahrtrichtung in Einbahnstraßen missachtet. Bei Dunkelheit und Schnee ist das nicht nur glatt, sondern auch gefährlich. Zumal man einkalkulieren muss, dass durch etwaiges Gefälle und das schiere Gewicht von 15 oder mehr Wägen, die man gleichzeitig schieben muss (nimmt man weniger, wird man dem Andrang kaum Herr), ein Abbremsen „mal eben so“ nicht möglich ist. Das hält die Kundschaft dennoch nicht davon ab, geistesabwesend „mal eben so schnell“ in den Weg zu huschen. Für den anschließenden und leider unvermeidbaren Stoß in der Fersengegend habe ich noch nie ein Dankeschön erhalten. Wen ich jedoch am wenigsten beneide ist das Kassenpersonal. Weihnachten ist die Zeit der Rabatte und Angebote. Da kommt man im Laden gar nicht mit der Etikettierung hinterher. Alle zwei Minuten muss man sich vorn an der Kasse dann im Laden bei ohnehin heillos überforderten Mitarbeitern nach den Preisen erkundigen – während die Gesichter in der Schlange immer genervter werden. Natürlich legt man sich dann als pflichtbewusster Kassierer nur noch mehr ins Zeug, um den Andrang irgendwie abarbeiten zu können. Ich weiß es nicht. Ich bin nur froh, dass ich dieses Jahr nicht jedem dritten Kunden erklären muss, dass es nicht wegen meiner mangelnden Fertigkeiten, sondern dem schieren Andrang zu Wartezeiten kommen kann.

Alle Jahre wieder

Selbst war ich schon sehr schnell raus aus dem ganzen Wahnsinn. Dazu brauchte es nicht erst der Erfahrungen diverser Nebenjobs. Das mag daran liegen, das ein Großteil sämtlichen Krempels für mich mehr Sorgen mit sich bringt als Nutzen. Denn was ich besitze, das muss ich nicht nur kaufen, sondern auch lagern, pflegen, beschützen und irgendwann entsorgen. Der tatsächliche Gebrauchsnutzen rechtfertigt diesen Aufwand in vielen Fällen gar nicht. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr fällt mir auf, was Weihnachten eigentlich so wichtig macht. Für mich als Kind war das Fest etwas ganz Tolles. In jungen Jahren kann man den ganzen Trubel auch nicht hinterfragen. Jetzt, als Erwachsener, ist mir das möglich. Und deshalb wünsche ich mir dieses Jahr vom Christkind nichts sehnlicher, als dass die Menschen endlich einmal zur Besinnung kommen. Weihnachten ist und bleibt ein Fest der Liebe. Es ist nichts dagegen einzuwenden, an diesem Tag mit seiner Familie eine schöne Zeit zu verbringen. Es rechtfertigt aber nicht, in der Zeit davor alle seine Mitmenschen in den Wahnsinn zu treiben. Seit vielen Jahren schon kaufe ich zu Weihnachten keine Geschenke mehr. Ich erwarte von anderen auch keine. Denn gemeinsame Zeit und nette Gespräche im Kreis der Lieben passen in kein Geschenkpapier der Welt.

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Christoph Harke

Über Christoph Harke

Christoph Harke (28) begann 2009 sein Studium der Politikwissenschaften und Soziologie an der CAU. Der gebürtige Westfale lebt seit 2012 in der Landeshauptstadt und unterstützte seine Lehre finanziell durch diverse Nebenjobs im Einzelhandel. In seiner Freizeit widmet er sich mit Leidenschaft Büchern oder dem Kampfsport. Auf dem CollegeBLOG möchte er seine Erfahrungen als „idealistischer Langzeitstudent“ (so bezeichnet er sich selbst) an neue Studentinnen und Studenten weitergeben und über das Campusleben berichten.

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