Dr. Iris Werner: „Junge Frauen müssen ihren Weg gehen“

Schon lange setzen sich Vertreter und Vertreterinnen des Feminismus’ für die Gleichstellung von Frauen und Männern in allen Lebensbereichen ein. Der Collegeblog hat sich gefragt, wie es um diesen Aspekt an der CAU Kiel bestellt ist. Werden Studentinnen, Doktorandinnen und Professorinnen genauso behandelt wie ihre männlichen Pendants? Oder steckt unsere Uni in dem Bereich noch in den Kinderschuhen? Um diese und weitere Fragen zu klären, habe ich mich zu einem Interview mit Dr. Iris Werner getroffen, die seit zehn Jahren die zentrale hauptamtliche Gleichstellungsbeauftragte der CAU Kiel ist.

Frau Dr. Werner, was genau bedeutet Gleichstellung überhaupt?

Die Gleichstellung, für die ich hier im Amt bin, ist die zwischen Männern und Frauen, also ganz klar Geschlecht. Das ist es auch schon, wobei wir heutzutage auch noch viele andere Aspekte haben. Diversity ist in aller Munde. Oftmals denken Leute auch, Gleichstellung hat etwas mit Menschen mit Behinderungen zu tun, dafür gibt es hier aber andere Ämter.

Warum ist Gleichstellung im Jahr 2018 noch immer wichtig?

Das ist eine gute Frage und es ist sehr schade, dass es noch so ist. Es gibt sehr viele Gründe. Zum einen ist da der große Komplex der sexuellen Belästigung, der jetzt auch oft in den Medien ist. Dann sind Frauen in Führungspositionen stark unterrepräsentiert und zwar in allen Bereichen der Gesellschaft. Außerdem haben wir noch das große Themenfeld der Geschlechterstereotypen, von denen wir uns alle nicht gut freimachen können. Das ist zum Beispiel die Annahme, Frauen gehen in die sozialen Berufe und Männer in die technischen Berufsfelder. Mit hinein spielt auch die klassische Rollenzuschreibung, Frauen seien für die Familie sowie die Kinder zuständig und Männer fürs Geldverdienen. Weil diese Themenkomplexe noch immer existieren, spielt Gleichstellung weiterhin eine große Rolle.

Was genau sind Ihre Aufgaben als Gleichstellungsbeauftrage?

Meine Hauptaufgabe ist es, die Hochschulleitung zu beraten, was sie tun sollte, um eine bessere Gleichstellung von Männern und Frauen vor allem in der Wissenschaft durchzusetzen. Des Weiteren bin ich Ansprechperson für die Belange aller Frauen an der Uni.

Man hat den Eindruck, dass diese Positionen oft von Frauen besetzt sind. Woran liegt das?

Das ist in Schleswig-Holstein vorgeschrieben. Es gibt einige Bundesländer wie zum Beispiel Sachsen, die das ein wenig aufweichen, weil sie davon ausgehen, dass Gleichstellung sowohl Männer als auch Frauen betrifft. Demnach kann auch ein Mann den Posten übernehmen. Darüber kann man unterschiedlicher Meinung sein, je nachdem, wie man die Ziele ausrichtet. An der CAU haben wir die interne Regelung, dass auf der Ebene der Stellvertretungen auch Männer tätig sein können. In zwei Fakultäten haben Männer das Amt der Stellvertretung sehr engagiert inne. Trotzdem bin ich der Meinung, dass es richtig ist, dass die primäre Gleichstellungsbeauftragte momentan noch eine Frau sein muss.

Welche Ziele verfolgt die CAU im Bereich Gleichstellung?

Wir verfolgen drei große Ziele. Das eine ist, mehr Frauen in Führungspositionen in der Wissenschaft zu bringen. Das heißt im Klartext: Mehr Frauen auf Professuren. Das zweite große Ziel ist ein Zwischenschritt dahin, also dass Frauen, die sich für eine wissenschaftliche Karriere entscheiden, auf diesem Weg sehr gut begleitet und unterstützt werden. In dieser Zeit gehen viele Frauen der Wissenschaft verloren. Der dritte Komplex ist es, für eine Kultur zu arbeiten, in der keine Diskriminierung stattfindet, hier speziell aufgrund des Geschlechts. Wir kümmern uns da um Verfahren, Beratungsstellen und Sensibilisierung für das Thema.

In welchen Bereichen sind bereits Fortschritte erzielt und in welchen muss die Uni noch Arbeit leisten?

Verbesserung gibt es auf allen Gebieten. Bei den Professorinnen konnten wir den Anteil steigern. Mittlerweile sitzen auf den Professuren 20 Prozent Frauen. Als ich hier anfing, waren es noch 9 Prozent. Das ist eine Verdopplung, zwar langsam und zu wenig, aber doch eine Verbesserung. Für die Nachwuchswissenschaftlerinnen haben wir viele Strukturen aufgebaut, zum Beispiel ein Mentoring-Programm. Außerdem gibt es Unterstützung für Kongressreisen und Wiedereinstiegsstipendien für Doktorandinnen, wenn sie in der Zeit ein Kind bekommen.

Es gibt viele einzelne Maßnahmen, aber auch ein breites Grundverständnis innerhalb der Uni, dass mehr darauf geachtet wird. Beim dritten Punkt, der Diskriminierung, stehen wir vergleichsweise am Anfang, da sind wir sehr spät gestartet. Aber jetzt gibt es in Zusammenarbeit mit dem AStA und dem Frauennotruf „Basta!“ als Angebot für Studierende mit Gewalterfahrung, wozu auch sexuelle Belästigung zählt. Dort erfolgt eine professionelle Beratung. Mit dem neuen Hochschulgesetz haben wir außerdem die Diversitätsbeauftragte, die spezielle für Studierende und Promovierende da ist, welche Diskriminierungserfahrungen machen. In diesem und nächsten Jahr wollen wir uns einen guten Leitfaden überlegen, wie wir mit solchen Situationen umgehen. Wir haben uns schon immer um Studierende gekümmert, die solche Probleme haben, aber bisher gab es noch kein strukturiertes Verfahren.

Sie haben erwähnt, dass auf dem Weg zur Professur viele Frauen verloren gehen. Was sind die Gründe dafür?

Da gibt es keine einfache Antwort. Zum einen liegt es an den Strukturen im Wissenschaftssystem. Man muss eine sehr lange Zeit in relativ unsicheren Beschäftigungsverhältnissen arbeiten, ausgelöst durch befristete Verträge, Abhängigkeiten von der Bewertung durch die Chefs und die große Unsicherheit, ob man auf eine unbefristete Position wechseln kann. Dieser lange Weg schreckt offenbar mehr Frauen ab als Männer.

Dann herrschen im wissenschaftlichen System ständig Bewertungen, also die der Promotion, der Publikationen und der Anträge. Da wirken die seit Jahrhunderten gut geknüpften männlichen Netzwerke viel stärker in der Beförderung einzelner Personen. Ganz wichtig sind auch die unbewussten Geschlechterstereotypen, die bei uns allen mitwirken. Es ist sehr gut belegt, dass Frauen in ihrer wissenschaftlichen Leistung immer schlechter bewertet werden als Männer, weil ihnen weniger Kompetenz zugetraut wird, gerade bei den Dingen, die in der Wissenschaft wichtig sind. Dazu zählen Exzellenz, Durchsetzungsfähigkeit und der Wille, für seinen Beruf aufzugehen. Diese Kompetenzen werden tendenziell den Männern zugeschrieben. Oft wird Frauen, teilweise unbewusst, ein Kinderwunsch zugeschrieben, durch den sie früher oder später ohnehin aus dem Beruf aussteigen.

Können Sie Unterschiede an den einzelnen Fakultäten verzeichnen?

Ja, auf jeden Fall. Das ist für unsere Uni besonders spannend. Wenn wir uns die CAU als Durchschnitt angucken, sieht immer alles ganz gut ist. 50 Prozent der Studierenden sind Frauen, ebenso bei den Promovierenden. Aber zwischen den Fakultäten gibt es große Unterschiede. Das liegt an dem Studienwahlverhalten. Junge Frauen wählen andere Studiengänge als Männer, zum Beispiel eher Geisteswissenschaften, während Männer technische Fächer aussuchen. Im Grunde genommen ist da, wo viele Frauen studieren, der Verlust größer. In der technischen Fakultät studieren beispielsweise nur 18 Prozent Frauen, aber es gibt auch 11 Prozent Professorinnen.* Mein Eindruck ist auch, dass sich in den Fächern, die wenige Frauen studieren, mehr darum gekümmert, Frauen für diese Studiengänge zu gewinnen.

Was sind die häufigsten Probleme von Studentinnen und inwiefern unterscheiden sich diese von denen der Professorinnen?

Studentinnen kommen gar nicht so oft zu uns, sondern wenden sich eher an den AStA. Wenn sie dann aber doch zu uns kommen, sind die Probleme sehr gravierend. Dabei handelt es sich um Dinge wie sexuelle Belästigung oder dass sie das Gefühl haben, aufgrund ihres Geschlechts schlechter beurteilt zu werden. Manchmal geht es auch um Stalking, meistens durch Kommilitonen. Das sind aber an der Anzahl der Frauen, die hier studieren, wenige Fälle, wobei wir natürlich nicht wissen, wie hoch die Dunkelziffer ist.

Das Hauptproblem von Studentinnen und später auch Doktorandinnen ist, dass sie sehr abhängig sind. Bei den Professorinnen stellt sich diese Problematik nicht, weil sie selbst schon in den höchsten Positionen sind.

Die Fälle, die ich von Studentinnen kenne, sind sehr schwierig. Oft sagen sie, dass sie sich wehren wollen, aber bei der betreffenden Person noch Prüfungen machen müssen. Im Wissenschaftsbetrieb kommt ähnlich wie in der Firmenwelt die Abhängigkeit von den Männern, von denen die Frauen diskriminiert werden, hinzu. Dadurch fällt es schwer, sich dagegen zu wehren.

Welche Projekte sind für die nächste Zeit geplant und was wünschen Sie sich persönlich für den Bereich Gleichstellung an der CAU?

Wir planen für die nächsten Jahre eine relativ breite Kampagne zu den Geschlechterstereotypen und der unbewussten Voreingenommenheit, die wir alle haben. Da möchte ich gerne Workshops und Ringvorlesungen ins Leben rufen. Viele Leute wissen nicht, wie stark das in uns verankert ist und welche Auswirkungen es hat. Es gibt eine große Studie darüber, dass studentische Lehrevaluationen diese Voreingenommenheit haben. Männliche Lehrpersonen werden von Studenten und Studentinnen besser bewertet als weibliche. Da möchte ich das Bewusstsein stärken.

Mittlerweile bin ich eine Freundin der Quote geworden. Das war ich früher nicht, aber jetzt glaube ich, dass es für einen gewissen Übergangszeitraum ein gutes Instrument ist. Bei vielen Sachen lässt sich die Quote nicht umsetzen, aber zum Beispiel bei der Neuberufung auf Professuren würde ich gerne eine Quote von 50 Prozent haben.

Ich würde mir auch wünschen, dass Gleichstellung von jedem Hochschulmitglied zum Thema gemacht wird. Alle Professor*innen, Mitarbeiter*innen und Student*innen haben die Verantwortung, sich an dem Prozess zu beteiligen.

Da Sie von der Quote gesprochen haben: Wenn man in den Instituten auf die Ausschreibungen achtet, steht da immer der Passus, dass bei gleicher Qualifikation Frauen anstatt Männer eingestellt werden. Es gibt viele Leute, die an der Stelle sagen, Männer würden deshalb diskriminiert. Was würden Sie dem entgegensetzen?

Dieser Passus gilt nur für Bereiche, in denen Frauen unterrepräsentiert sind. Er ist zum Beispiel nicht für Verwaltungsstellen gültig. Das ist eine rechtliche Vorschrift, die der Europäische Gerichtshof verabschiedet hat. Es stimmt, dass wenn sich ein Mann und eine Frau auf eine Stelle bewerben und dieselben Qualifikationen mitbringen, die Frau eingestellt wird. Dieser Mann bekommt die Stelle dann also nicht. Wir sprechen dabei von positiver Diskriminierung, die erlaubt ist, solange es die Unterrepräsentanz von Frauen gibt. Wenn diese nicht mehr existiert, ist die positive Diskriminierung nicht mehr erlaubt. Es ist ein Rechtsmittel, das geschaffen wurde um die jahrzehntlange Benachteiligung von Frauen auszugleichen. Manchmal versuchen Leute das wegzudiskutieren und sagen, der Passus sei keine Diskriminierung. Aber für den individuellen Mann ist es das in dem Fall schon.

Welchen Ratschlag geben Sie Frauen mit auf den Weg, die sich für eine akademische Laufbahn entscheiden?

Frauen müssen sich selbst mehr zutrauen und sich Unterstützung holen. Sie müssen versuchen, die männlichen Netzwerke aufzubrechen und eigene Netzwerke aufbauen. Ich würde den jungen Frauen immer mit auf den Weg geben, dass sie sich überlegen, was sie wirklich wollen. Wenn sie wirklich eine wissenschaftliche Karriere anstreben, sollen sie das machen. Es gibt heute viele gute Förderprogramme und es gibt genug Professoren sowie Professorinnen, die junge Frauen fördern. Man soll sich nicht ins Bockshorn jagen lassen. Und man muss sich klar darüber sein, dass es draußen in der freien Wirtschaft nicht sehr viel anders ist. Letztendlich muss man aber wissen, was man selbst möchte und dann seinen Weg gehen.

 

*Anmerkung der Redaktion: Wer sich für das Thema interessiert und wissen möchte, wie genau die Professuren an der CAU besetzt sind, kann die aktuellen Zahlen auf gleichstellung.uni-kiel.de/daten-fakten einsehen.

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