„Studierende sollten sich ihr aufgeklärtes Bewusstsein bewahren“

Angetrieben von den aktuellen Empörungen rund um die Diesel-Manipulationen und den Abgastests an Affen bei Volkswagen veröffentlichten die beiden Kieler Philosophen Ludger Heidbrink und Alexander Lorch vor einigen Wochen einen Artikel über unternehmerische Verantwortung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ludger Heidbrink hat seit 2012 den Lehrstuhl für Praktische Philosophie an der CAU Kiel inne und Alexander Lorch ist wissenschaftlicher Geschäftsführer des an den Lehrstuhl angegliederten Kiel Center for Philosophy, Politics and Economics (KCPPE). Im Gespräch mit dem KN-Collegeblog sprechen die beiden über das Problem aufgeblähter Boni-Systeme und erklären, was sich hinter der Disziplin der Wirtschaftsphilosophie verbirgt.

 KN-Collegeblog: Herr Heidbrink, Herr Lorch, im Bereich der Wirtschaft hören wir häufig von Manipulationen, Korruption, Spekulationen, Krisen und Skandalen. Warum bleibt die Moral in unserem Wirtschaftssystem anscheinend immer wieder hinter dem Geschäft zurück?

Ludger Heidbrink: Dass die Moral auf der Strecke bleibt, ist – wenn wir ganz ehrlich sind – die Normalsituation in unserem Wirtschaftssystem. Unternehmen haben die Aufgabe, Gewinne zu erwirtschaften und nicht moralisch ausgezeichnete Akteure zu sein. Das ist nun einmal die Realität. Natürlich hat die Moral grundsätzlich kategorischen Vorrang. Aber wenn etwas Vorrang hat, bedeutet es noch lange nicht, dass es auch faktisch umgesetzt wird. Das ist das ganze Problem. Es ist eine permanente Herausforderung, die Moral in irgendeiner Form in das Geschäft zu integrieren.

Alexander Lorch: An aktuellen Fällen wie dem VW-Abgasskandal kann man außerdem sehen, dass die Warum-Frage häufig mit einer Schuldfrage beantwortet wird. Es wird immer wieder versucht, Schuldige ausfindig zu machen. Irgendwer muss es verantworten und dafür geradestehen. In einigen Fällen gibt es bestimmt Schuldige. Aber häufig liegt das Problem tiefer und hat strukturelle Gründe.

KN-Collegeblog: Wie meinen Sie das?

Lorch: Gewisse Systemzwänge oder Unternehmensstrukturen können dazu führen, dass Einzelne ihren moralischen Kompass aus den Augen verlieren. Wir haben es also immer mit einer Kombination aus individuellen und strukturellen Ursachen zu tun.

KN-Collegeblog: In der FAZ haben Sie bessere Kontrollen sowie veränderte Anreize für verantwortungsvolleres Handeln in Unternehmen gefordert. Was verstehen Sie unter unternehmerischer Verantwortung?

Lorch: Es bedeutet, dass sich Unternehmen ihrer gesellschaftlichen Rolle über das Geschäftliche hinaus bewusst sind. Ihr ökonomisches Handeln hat nämlich nicht nur wirtschaftliche Konsequenzen, sondern auch entscheidende Auswirkungen auf Gesellschaft und Umwelt, die ein Unternehmen eigenverantwortlich gestalten muss.

KN-Collegeblog: Und dieses Verhalten könnte durch Anreize verstärkt werden?

Lorch: Ja, einige Unternehmen entwickeln beispielsweise Richtlinien und Leitfäden, um ihre Mitarbeiter zu ermutigen, moralisch integer zu handeln. Das Ganze läuft unter den Strichworten des Compliance oder Integrity Managements. Wichtig ist aber gar nicht so sehr, wie die Anreize aussehen, sondern dass sie mit den anderen Strukturen des Unternehmens übereinstimmen. Häufig sehen wir, dass ein Ethikkodex parallel zu einer Mitarbeiterbeförderung steht, die stark auf geschäftliche Kennzahlen abzielt. Hier handelt es sich natürlich um einen Widerspruch. Es kann sogar zu Konflikten kommen, wenn der Mitarbeiter einerseits anspruchsvolle Quartalsziele abzuliefern hat und gleichzeitig auch noch moralisch handeln soll. Die Unternehmensleitung muss dafür sorgen, dass Anreize und Unternehmensstrukturen ineinandergreifen.

KN-Collegeblog: Von wem sollten die Anreizstrukturen vorgeschrieben werden? Direkt von dem Unternehmen oder vonseiten der Politik?

Lorch: Da jedes Unternehmen sehr  unterschiedlich ist,  lassen sich schwer einheitliche politische Reglementierungen vorschreiben.  Um grundlegende unternehmerische Ziele weiterhin erfüllen zu können, müssen Unternehmen je nach Situation, Branche und Größe individuell agieren.

Heidbrink: Ja, das sehe ich auch so. Die Festlegung der Anreize muss ein Unternehmen zunächst selbst in die Hand nehmen. Erst bei der Kontrolle gesetzlicher Regeln übernimmt die Politik eine entscheidende Rolle. Empirische Forschungen haben übrigens gezeigt, dass Moral nicht ohne weiteres mit finanziellen Anreizen auf den Weg gebracht werden kann, sondern diese oft sogar das Gegenteil bewirken. Moralisches und verantwortungsvolles Verhalten muss also anders belohnt werden. Symbolische Auszeichnungen wie ‚Mitarbeiter des Monats‘ oder ‚Führungskraft des Jahres‘ wären eine Möglichkeit. Gerade in Bezug auf das Boni-System wächst in Deutschland die Unzufriedenheit. So liegen Bonuszahlungen an Banker oft bei weitem über den Gewinnen der jeweiligen Unternehmen. Wolfgang Kirsch, der Vorstandsvorsitzende der DZ-Bank sprach kürzlich erst von einer „Bonus-Unkultur“.

KN-Collegeblog: Wie konnte sich das Boni-System so aufblähen?

Heidbrink: Das ist relativ einfach zu erklären. Das liegt an der Globalisierung bestimmter Branchenfelder, wie zum Beispiel des Bankensystems. Da Banken im Wettbewerb stehen und international hohe Boni gezahlt werden, müssen auch in Deutschland branchenübliche Boni an gute Leute vergeben werden. Um dies zu ändern, sollten unserer Ansicht nach Boni und auch andere Anreize künftig – statt ausschließlich auf die Erfüllung ökonomischer Ziele – zusätzlich auf die Einhaltung sozialer Normen ausgerichtet sein. Damit soll das bisherige Boni-System nicht abgeschafft, sondern um ethische Komponenten erweitert werden. Dieses Vorhaben ist durchaus realisierbar.

KN-Collegeblog: Mit dem Kiel Center for Philosophy, Politics and Economics (KCPPE) haben Sie, Herr Heidbrink, eine Plattform geschaffen, die sich mit genau diesen Fragen beschäftigt. Was war Ihre Gründungsintention?

Heidbrink: Das KCPPE ist aus dem Kieler Forum für Politische Philosophie und Wirtschaftsethik heraus entstanden, das bereits von meinem Vorgänger Wolfgang Kersting gegründet wurde. Um die Weiterentwicklung als universitäre Institution zu kennzeichnen, haben wir es 2014 in das KCPPE überführt. Wir wollten das Center etwas breiter und internationaler ausrichten und haben uns dabei bewusst an dem klassischen britischen PPE-Modell orientiert. In dem gleichnamigen Studiengang wird in Oxford seit 1920 die englische Elite in Philosophy, Politics and Economics ausgebildet. Mit dem KCPPE wollen wir in Deutschland an diese Tradition anknüpfen.

KN-Collegeblog: In dieser Kombination hat das KCPPE in Deutschland ein Alleinstellungsmerkmal.

Heidbrink: Ja, als Forschungscenter ist das KCPPE einzigartig. Neben dem Master „Praktische Philosophie der Wirtschaft und Umwelt“ der CAU, der vom KCPPE mitgestaltet wird, gibt es aber auch noch weitere Studiengänge in Deutschland, die sich am Oxforder PPE-Studiengang orientieren, wie beispielsweise in Bayreuth oder Witten-Herdecke.

KN-Collegeblog: Welche Ziele verfolgt das KCPPE?

Heidbrink: Unser Ziel ist, die Philosophie einerseits mit ökonomischen und andererseits mit politisch-ethischen Fragen zu verknüpfen. Es geht also – wie der Name schon sagt – um die Schnittstelle zwischen Philosophie, Politik und Ökonomie.

Lorch: Hierfür wollen wir erstens die Grundlagenforschung der Wirtschaftsphilosophie vorantreiben. Diese Disziplin geht über die Wirtschaftsethik hinaus – gerade im deutschsprachigen Raum tut sich hier einiges. Zweitens sehen wir es als Aufgabe des Center an, in die gesellschaftliche Öffentlichkeit hineinzuwirken. Wir wollen ein Bewusstsein für diese hochkomplexen Fragestellungen schaffen und unsere Erkenntnisse aus der Forschung auch mitteilen. Zurzeit arbeiten wir an einem gemeinsamen Projekt mit der Landesregierung Schleswig-Holstein und auch mit dem Institut für Weltwirtschaft ist eine engere Zusammenarbeit konkret in Planung.

Heidbrink: Und auch hier an der CAU nimmt das KCPPE eine wichtige Vermittlerposition ein – beispielweise zwischen der philosophischen und der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. Gerade diese intrauniversitäre Vernetzung ist sehr wichtig.

KN-Collegeblog: Vor einigen Wochen haben Sie eine Studie veröffentlicht, in der erstmalig die gesellschaftliche und ökologische Verantwortung von kleinen und mittleren Unternehmen in Schleswig-Holstein untersucht wurde.

Lorch:  Die Studie wurde im Rahmen der Landesentwicklungsstrategie von der Staatskanzlei Kiel in Auftrag gegeben. Es ging darum, erstmalig zu untersuchen, wie umfangreich das gesellschaftliche Engagement von kleinen und mittleren Unternehmen in Schleswig-Holstein in den Bereichen Gesellschaft, Ökologie und Personal ist. Wir haben uns hierbei ganz bewusst für die Erforschung der eher kleineren Unternehmen entschieden, denn bisher wurde immer nur auf die großen Konzerne geschaut und untersucht, wie sie sich engagieren. Dabei leisten die kleinen und mittelgroßen Unternehmen enorm viel vor Ort und sind das eigentliche Rückgrat der deutschen Wirtschaft.

KN-Collegeblog: Zu welchen Ergebnissen ist die Studie gekommen?

Lorch: Ein Ergebnis ist, dass sich kleinere Unternehmen sehr stark für das Allgemeinwesen engagieren. In fast allen Bereichen – wie Umwelt, Soziales, Kultur oder Sport – tragen sie eine hohe regional-gesellschaftliche Bedeutung. So sponsoren sie beispielsweise Trikots für den örtlichen Fußballverein oder unterstützen lokale Festivitäten. Die zweite, hieraus resultierende Erkenntnis ist, dass sie aufgrund ihres lokalen Engagements eine wichtige Rolle für die Standortentwicklung und das Gemeinwesen in Schleswig-Holstein einnehmen. Zusammengefasst ist das Engagement dieser Unternehmen eher pragmatisch und weniger strategisch. Nach den Ergebnissen unserer Studie möchte auch die Landesregierung kleine und mittlere Unternehmen mehr in den Blick nehmen und unterstützen.

KN-Collegeblog: Vorhin haben Sie angedeutet, dass die Wirtschaftsphilosophie über die Wirtschaftsethik hinausgeht. Welche Rolle kann die Philosophie im wirtschaftlichen Diskurs spielen?

Heidbrink: Die Wirtschaftsphilosophie beschäftigt sich nicht nur mit normativen Maßstäben des Wirtschaftens, sondern stellt auch grundlegende Fragen: Was sind die strukturellen Voraussetzungen des Wirtschaftssystems? Worauf basieren ökonomische Modellbildungen wie der Homo oeconomicus? Derartige Fragen übersteigen das Feld der Wirtschaftsethik und reichen von der wirtschaftswissenschaftlichen Theorie bis hin zur Wirtschaftssoziologie und Wirtschaftskultur. Die Wirtschaftsphilosophie kann auch als integrative Dach- und Grundlagendisziplin verstanden werden.

KN-Collegeblog: Das Verhältnis zwischen Ethik und Ökonomie scheint sich in der Praxis zunehmend zu verschlechtern. Kann die Philosophie helfen, das Spannungsverhältnis zwischen Ethik und Ökonomie auszugleichen?

Heidbrink: In guter philosophischer Tradition würde ich sagen, sie kann das Verhältnis aufklären. Der philosophische Diskurs kann helfen, die verschiedenen Argumentationsansätze der beteiligten Disziplinen besser zu verstehen und dadurch einem Gleichgewicht näherzukommen. Das ist die Aufgabe der Wirtschaftsphilosophie.

Lorch: Wir müssen dabei aber immer im Blick haben, dass die Verantwortung in letzter Instanz bei den Individuen liegt. Ein gewisses Bewusstsein hierfür zu schaffen und Reflexionskompetenzen aufzubauen, ist ein wichtiger Teil der universitären Lehre, insbesondere der Philosophie.

KN-Collegeblog: Eine umfassende Bildung scheint unabdingbar zu sein.

Lorch: Ja. Besonders eine verengte Wirtschaftsausbildung ist problematisch.

KN-Collegeblog: Seit dem Wintersemester 2015/2016 bieten Sie den Masterstudiengang „Praktische Philosophie der Wirtschaft und Umwelt“ an. Was ist das Besondere an diesem Studiengang?

Heidbrink: Unsere Kombination aus Wirtschafts- und Umweltethik ist in Deutschland einmalig. Wir eröffnen unseren Absolventen hiermit ein großes Berufsfeld zwischen politischer Beratung, Umweltschutz und der freien Wirtschaft.

KN-Collegeblog: Können Sie den Studierenden noch etwas mit auf den Weg geben?

Heidbrink: Sie sollten sich immer ihr aufgeklärtes Bewusstsein bewahren!

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führten Lena Schaefer und Fenja Wiechel-Kramüller.

Ein Gedanke zu „„Studierende sollten sich ihr aufgeklärtes Bewusstsein bewahren“

  1. courage (KN-Forum)

    Ludger Heidbrink: „Dass die Moral auf der Strecke bleibt, ist – wenn wir ganz ehrlich sind – die Normalsituation in unserem Wirtschaftssystem. Unternehmen haben die Aufgabe, Gewinne zu erwirtschaften und nicht moralisch ausgezeichnete Akteure zu sein. Das ist nun einmal die Realität.“

    Weil das so ist und funktioniert, eine (mit Verlaub, L. H.) abgewandelte Antwort:

    „Dass die Moral auf der Strecke bleibt, ist – wenn wir ganz ehrlich sind – die Normalsituation in unserer Politik. Politiker(innen) haben die Aufgabe, ihrer Partei Richtung und Stimmen zu erhalten und nicht moralisch ausgezeichnete Akteure zu sein. Das ist nun einmal die Realität.“

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