Mehr Literatur für Kiel

Das Studium ist die beste Zeit, um sich auszuprobieren und neue Hobbys zu entdecken. Das dachten sich auch vier Kieler Studierenden und gründeten kurzerhand den Schnipsel. Aus dem ehemaligen „Literaturmagazin von Nobodies“, wie der Titel der ersten Ausgabe lautete, ist mittlerweile eine feste Anlaufstelle für alle geworden, die ein Ventil für ihre Kreativität suchen. Seit sechs Jahren erscheint der Schnipsel alle vier bis sechs Monate, immer gefüllt mit allerlei Literatur. Aus dem Redaktionsquartett sind mittlerweile 10 Menschen geworden, die nicht nur Texte für den Schnipsel auswählen, lektorieren und layouten, sondern auch in Kooperation mit Kieler Kulturorten Lesungen veranstalten, um das kostenlos ausliegende Magazin zu finanzieren. Grund genug also, es im Collegeblog einmal vorzustellen. Deshalb könnt ihr diesmal einen Gastbeitrag mit dem Titel „Die Dinge beim Namen nennen“ von Katharina Noß lesen, die Mitherausgeberin des Schnipsels ist. Katharina studiert seit langem an der CAU und ist gerade im Kampf mit ihrer Masterarbeit. Beim Schnipsel ist sie seit dem denkwürdigen Sommer von 2015, weil sie Kultur brauchte und der Schnipsel ihr schon immer reizvoll erschien, außerdem kannte sie schon Gründungsmitglied Zara. Literatur ist für sie „was ganz großes Unheimliches und was unheimlich Schönes“.

Die Dinge beim Namen nennen

Mein Mitbewohner nennt mich Claus, obwohl ich eigentlich Erwin heiße. Er meint, dass Claus besser zu mir passe, weil ich so rot sei, was auch immer das heißen mag. Er meint aber auch, dass Fischflossen eigentlich Flügel seien und dass Fische fliegen könnten, wenn die Welt nicht so ungerecht wäre. Ich nenne ihn Timur, weil er Timur heißt.

Es ist Freitag und beim Frühstück frage ich ihn, was sein Plan für das Wochenende ist.

«Ich möchte nur noch mich besaufen, besoffen über die anderen Texte herziehen und dann in mein Bett kotzen,» sagt er trocken, während er Milch in den Kaffee gießt und zusieht, wie aus dem Schwarzbraun ein dunkles Beige wird. Timur ist Verleger eines kleinen Literaturmagazins. Damit verdient er zwar kein Geld, aber es sei auf künstlerischer Ebene sehr erfüllend, sagt er. Ich habe mal überlegt, da auch mitzumachen, weil das ja auch ganz gut auf dem Lebenslauf aussehen könnte, aber ich bin leider nicht besonders begeisterungsfähig und eigentlich habe ich auch gar keine Ahnung von Literatur.

Timur trinkt einen Schluck Kaffee und rümpft die Nase.

«Ich sage dir eins, Claus, die natürlichsten Dinge, sind für den Menschen am wenigsten erträglich.» Er steht auf und schließt sich im Bad ein. Das macht er manchmal. Dann ist er mindestens eine halbe Stunde darin und wenn er wieder rauskommt, tut er so, als habe es nur zwei Minuten gedauert. In diesen Zeiten frage ich mich, warum die Leute sagen, ich sei der Absonderliche von uns beiden. Unser Nachbar von unten beispielsweise nennt mich «einen traurigen Clown». Wobei ich mir da nicht so ganz sicher bin, ob er den Beruf Clown meint oder es eine Metapher sein soll. Vielleicht findet er mich eigentlich ganz witzig, aber nicht, weil ich versuche, witzig zu sein, sondern weil er meint, ich tue Dinge, die er als sonderbar empfindet.

Wie dem auch sei, ich nenne ihn einen Griesgram wegen Aasgeier. So ist das halt zwischen Nachbarn: der eine ist ein Unterhaltungskünstler, der andere ein großer Vogel.

Als ich die Wohnung gegen Mittag verlasse, höre ich noch bevor ich meine Wohnungstür zuziehe, wie sich seine ein Stockwerk tiefer langsam öffnet. Ich gehe die Treppe hinunter und da steht er, der Aasgeier, mit seiner krummen Nase, und stiert mich an.

«Gestern wohl zu lange gemacht, was? Aber das ist ja so mit Künstlern, arbeiten nachts.»

Er kann nicht mit den Augen rollen, deshalb rollt er mit dem Kopf.

«Mein Seminar fängt heute später an,» sage ich mit unangenehm dünner Stimme.

Ich ärgere mich, weil ich dem Drang nachgegeben habe, mich zu rechtfertigen.

«Ah ja, Seminar. Studieren ist ja auch nicht mehr das, was es mal war. Sind Sie denn bald mal fertig?»

Beinahe will ich sagen, dass es ihn nichts angehe, da kommt Frau Rohdehamnmer aus dem Dachgeschoss die Treppe hoch, leise und langsam.

«Ach, Meine Herren, haben Sie schon von dem Unglück gehört?»

Sie legt theatralisch eine Hand auf den Mund. Ich frage mich, wie sie immer noch so dick sein kann, obwohl sie mehrmals täglich das Treppenhaus von oben bis unten besteigt, um alle Neuigkeiten aus allen Wohnungen zur erfahren.

«Herr Drieselbart aus dem Erdgeschoss ist vergangene Nacht von uns gegangen.»

Ich will fragen «wer?», senke aber nur mitleidsvoll den Blick. Fast so schlimm, wie alles über seine Nachbarn wissen zu wollen, ist es gar nicht zu wissen, wer diese Nachbarn überhaupt sind. Ich kann aber auch nichts sagen, weil ich mir plötzlich darüber Gedanken machen muss, warum Leute Sachen sagen, wie «jemand ist von uns gegangen», obwohl er ja gar nicht gegangen ist, sondern wahrscheinlich eher gefallen, wenn er nicht eh schon gelegen hat. Wenn man sagt «er ist gegangen», kann das durchaus Missverständnisse mit sich ziehen und dann gerät man unter Umständen in Erklärungsnot.

Der Geier verengt die Augen.

«Und was wird nun aus der Wohnung? Ich hoffe, da ziehen nicht noch weitere Clowns ein.»

Jetzt bin ich mir sicher, dass er nicht den Beruf meint.

«Aber Herr Brandt, sagen Sie doch nicht so etwas. Der arme Herr Drieselbart.»

Ich will die Gelegenheit nutzen und mich an ihr vorbeizwängen. Da packt sie mich am Arm.

«Herr Laumeyer, was sagen Sie denn dazu?» Ihre dicken Finger bohren sich in mein Fleisch.

«Joa, sch-schlimm das…,» presse ich unter Schmerzen hervor. Ich glaube, mein Arm ist gebrochen. «Wie ist es denn passiert?» Ich versinke in Selbsthass.

«Sie werden es nicht für möglich halten: Er hat sich die Pulsadern aufgeschnitten; einfach das Messer angesetzt und zack. Und jetzt ist überall Blut, alles voll.» Sie fängt an zu weinen. Ich lege ihr tröstend die Hand auf die Schulter, in der Hoffnung, dass sie mich loslässt.

«Erbärmlich,» donnert der Geier, «wenn man mit dem Leben nicht klarkommt, dann soll man sich doch bitte so umbringen, dass nicht andere die Schweinerei wegmachen müssen.»

Entsetzt über diese Aussage, lässt sie meinen Arm los und eilt die Treppe hinauf. Der Geier und ich sehen ihr nach und dann uns an. Ich nicke ihm zu, dankbar. Es ist ein kurzer Moment des Friedens zwischen uns, schließlich gibt er ein halbherziges Murren von sich und knallt seine Tür zu.

Im Erdgeschoss steht die eine Wohnungstür offen. Mir schlägt der Geruch von Chlor und Verwesung entgegen. Scheint so, als sei der Selbstmord schon eine Weile her und da frage ich mich doch, warum Frau Rohdehammer solange geb raucht hat, um das zu merken. Ein Mann im weißen Plastikoverall, Schnauzbart und Pferdeschwanz steht im Türrahmen und fummelt in einer Zigarettenschachtel herum. Er schaut auf.

«Mann Mann Mann, ick sach et dir‚ ne Schwenerei is dit…»

«Verdienen Sie nicht ihr Geld damit, wenn Sie das wegmachen,» frage ich.

«Ja schon, aba ick freu mir ja och, wenn de ma‘ saubara sterb’n.»

Ich will irgendwas in Richtung «respektlos» sagen, tue es aber nicht. Es war noch nie meine Stärke auf Anhieb die richtigen Worte zu finden. Jetzt wünschte ich, ich hätte den armen Hund gekannt. Wer weiß, vielleicht wäre Herr Drieselbart aus dem Erdgeschoss mein bester Freund gewesen, dann hätte ich vielleicht diesen Selbstmord verhindern können. Schuldgefühle überrumpeln mich und ich gehe schnell weiter, damit der Putzmensch die Träne in meinem rechten Auge nicht sieht.

Ich habe noch nie so lange gebraucht, um von meiner Wohnungstür bis zur Haustür zu kommen. Ich stelle fest, dass die ungeplanten Konversationen ihren Tribut fordern und ich meinen Bus verpasst habe. Plötzlich bin ich müde. Vielleicht werde ich ja krank. Ich überlege, mich wieder zurück ins Haus zu schleichen, die Sorge vor einer weiteren Begegnung mit Fremden hindert mich jedoch daran. Also laufe ich ein Stück die Straße hinunter, setze mich in ein Café und bestelle einen Pfefferminztee.

Manchmal wäre das mit den Menschen, also der Umgang mit ihnen, viel leichter, wenn man wüsste warum sie was machen oder sagen, wenn man wüsste woher sie kommen und was sie bewegt. Zum Beispiel würde ich dann vielleicht nicht denken, dass das Pärchen zwei Tische weiter knauserig oder gar arm ist, weil sie nur zwei Leitungswasser bestellt haben. Vielleicht trinken sie einfach sehr gerne stilles Wasser. Vielleicht würde ich dann nicht denken, dass Timur ein Künstler ist, sondern einfach bloß verrückt. Oder, dass der griesgrämige Aasgeier eigentlich nur ein armer alter Mann ist, der einfach schon viel Scheiße erlebt hat. Vielleicht wäre es ja auch einfacher zu verstehen, warum Frau Rohdehammer so neugierig ist. Manchmal wäre es einfach, Menschen zu verstehen, wenn sie einfach sagen könnten, was los ist. Dann hätte der Drieselbart sich nicht die Pulsadern aufgeschlitzt und der Schnauzbart wäre froh, weil er keine stinkende Blutlache wegmachen müsste. Dann wäre ich kein trauriger Clown und auch klein Claus, sondern einfach Erwin.

Ich trinke einen Schluck Tee und verbrenne mir die Zunge. Ich wünsche mir, ich wäre im Bett geblieben. Dann verzeihe ich dem Tee, denn wer weiß, was er schon durchmachen musste.

Bei der „unfassbaren Lesung“ in der Schaubude herrschte eine mysteriöse Stimmung.

Was ist der Schnipsel

Der Schnipsel erscheint vier bis sechs Mal im Jahr, je nachdem, wie viel Geld zur Verfügung ist. Er ist umkommerziell, das heißt die Redaktionsmitglieder verdienen an der Arbeit nichts bis auf Spaß und Erfahrungen. Aus den eingeschickten Texten werden diejenigen ausgewählt, die in der neusten Ausgabe landen sollen. Anschließend werden sie von der Redaktion lektoriert und gelayoutet, bevor es zum Druck an die Muthesius geht. Das fertige Magazin findet ihr kostenlos in Cafés, Clubs, an der Uni oder in Antiquariaten in Kiel.  Es finanziert sich über Spenden, die vor allem auf Lesungen gesammelt werden. Die letzten beiden Veranstaltungen fanden in Kooperation mit dem Luna und der Schaubude statt. Regelmäßig werden außerdem Silent Writing Partys abgehalten, bei denen die Gäste sich in Ruhe Zeit nehmen können, um ungestört zu schreiben.

Wer gerne selbst einen Text beim Schnipsel veröffentlichen möchte, kann diesen gerne an schnipselmagazin@googlemail.com schicken. Wichtig ist, dass der Text nicht länger als 10.000 Zeichen ist und mit dem Titelformat „Vorname_Nachname_Titel vom Text“ eingereicht wird. Das Dateiformat kann entweder .doc oder .odt sein. Auch Bilder können eingeschickt werden. Weitere Infos, auch zu anstehenden Veranstaltungen, gibt es auf der Website oder auf Facebook.

Redaktionstreffen laufen meistens in entspannter Atmosphäre bei den Mitgliedern zu Hause, in Cafés oder Parks statt.

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