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Schöner scheitern?

Aufgeben ist eigentlich keine Option. Doch schon wieder ist ein Semester vergangen. Die Prüfungsergebnisse waren schlechter als erhofft. Trotz des vielen Lernens mal wieder nicht alle Prüfungen bestanden. Im Hinterkopf der Gedanke: Drittversuch, oh je! Während  sich selbst in Kiel die Sonne breit macht und jeder viel lieber im Park statt in der Bibliothek seine Zeit verbringen möchte, stellen sich einige Studenten und Studentinnen die Frage: Was mache ich hier eigentlich? Will ich das überhaupt noch?

Rebecca* studiert bereits sieben Jahre auf ihren Lehramts-Bachelorabschluss hin. Mittlerweile ist es ihr unangenehm, auf der Anwesenheitsliste im Seminar neben ihre Matrikelnummer die Anzahl ihrer Semester zu schreiben: Es sind 14 Semester! Doch wer vermutet, dass Rebecca eine besonders faule Studentin ist, liegt falsch. In diesen 14 Semestern Kunst- und Wirtschaft/Politik-Studium stecken jede Menge Kraft und Zeit für Nebenjobs, diverse Kunstprojekte und die unerträgliche Angst vorm Scheitern. Erst viel zu spät konnte sie sich eingestehen, dass die Kombination ihrer Fächer für sie nicht die richtige Wahl gewesen war. „Ich wollte einfach meinen eigenen Ansprüchen unbedingt gerecht werden“, erzählt die 34-jährige Lehramtsstudentin. „Jetzt habe ich das Wirtschaft/Politik-Studium abgebrochen und mache zu Kunst das Fach Dänisch.“ Aus ihrem Familien- und Bekanntenkreis wurde ihr immer gut zugesprochen, sie schaffe das schon. Trotz der Entscheidung, das Fach zu wechseln, über die sie sehr froh ist, zerrt das Studium sehr an ihren Nerven: „Ich möchte einfach nur noch fertig sein.“ Anderen Studenten, die mit ihrem Studium unzufrieden sind, rät Rebecca, früher als sie auf ihr Bauchgefühl zu hören.

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Lieber einen leeren Stuhl im Hörsaal hinterlassen, als später im Beruf unglücklich sein.

Als Lukas beschloss, sein Studium hinzuschmeißen, hatte ihn die Universität einfach nicht mehr glücklich gemacht. Sie hatte ihn auch nicht besonders unglücklich gemacht. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, mit dem Studium sein Leben zu verwirklichen, so wie er es sich einmal ausgemalt hatte. Als Lukas anfing, Politikwissenschaft zu studieren, kam er gerade frisch aus Neuseeland. Unbewusst hatte er sich auf die Fahnen geschrieben: „Ich studiere Politik und verbessere vielleicht ein bisschen die Welt.“ Doch wie vielen Studenten fehlten Lukas die Perspektive und der Sinn im theoretischen Studium. Wann fangen wir endlich an, über die wirklich wichtigen Dinge zu reden, anstatt Politikdefinitionen auswendig zu lernen? Lukas warf das Studium nicht hin, weil er überfordert war, und auch nicht, weil es ihn nicht interessiert hätte, sondern weil er sich im theoretischen Raum wie „in Watte gepackt“ fühlte. Es fehlte schlichtweg der praktische Bezug. Dass der Abbruch seines Studiums einen Bruch in seinem Lebenslauf mit Stempel „Studienabbrecher“ darstellen könnte, sah Lukas nie als eine Gefahr. Das Jahr, das er an der Universität verbrachte, empfindet er heute als wichtige Erfahrung anstatt einer Niederlage. „Ich bin froh darüber, dass ich mir selbst nie den Druck gemacht habe, sofort einen Abschluss zu haben.“ Jetzt macht Lukas eine Ausbildung als KFZ-Mechatroniker und freut sich über weniger graue Theorie und endlich regelmäßige Arbeitszeiten.

Etwas anzufangen und nicht zu Ende zu bringen, fällt niemandem leicht. Jeder erlebt Niederlagen, jeder kennt die Gefühle von Scham, Schuld und Hoffnungslosigkeit. Aber nur wer etwas wagt, kann am Ende auf Erfolg hoffen. Es gibt verschiedene Gründe, mit seinem Studium unzufrieden zu sein. Hierbei sollte aber zwischen langfristiger und kurzfristiger Unzufriedenheit unterschieden werden. Wer keinen Draht zu seinem Fach findet, wer sich jeden Tag in die Universität quält oder das Studium nur der Eltern zuliebe gewählt hat, sollte sich überlegen, ob es das wirklich wert ist.

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Was bringt die Zukunft?

Raphaela war mit ihrem Ethnologie/Politikwissenschaft-Studium nie unglücklich. Sie stand schon kurz vorm Ziel. Bald sollte sie ihre Bachelorarbeit schreiben, hatte Praktika in der politischen Bildung gemacht und war immer mit viel Motivation dabei gewesen. Je häufiger sie jedoch im Rahmen der politischen Bildung Kindern und Jugendlichen etwas beibrachte, desto stärker stellte sie fest: „Schule ist voll mein Ding.“ So entdeckte Raphaela eher durch Zufall ihre wirkliche Berufung. „Unterbewusst habe ich vielleicht ein bisschen danach gesucht. Auch, wenn ich mit fertig abgeschlossenem Bachelor noch einmal bei Null anfange, war es der richtige Weg“, stellt die Lehramtsstudentin fest.

Das Studium bis zum Ende durchziehen, eine Ausbildung anfangen oder doch den Studiengang wechseln? Man kann diese Frage nur individuell beantworten. Rebecca, Lukas und Raphaela bereuen ihre Entscheidungen nicht. Vielmehr profitieren sie davon, etwas Neues gewagt und sich gegen die Erwartungen gestellt zu haben.

 

 

 

 

 

 

*Name von der Autorin geändert

 

2 Gedanken zu „Studienabbrecher: Mut zum Scheitern

  1. Ulrike Zängl

    Super Artikel zum Thema. Es geht nicht um Scheitern, sondern um Neuorientierung.
    Handwerkskammer, Industrie- und Handelskammer, CAU, FH – Kiel, Muthesius Hochschule und Agentur für Arbeit bieten unter dem Titel „Kursänderung“ am 06.05.2015 von 16:00 Uhr bis 18:00 Uhr im BIZ der Agentur für Arbeit eine Veranstaltung zu diesem Thema. Anmeldungen gerne unter Kiel.121-Akademiker@arbeitsagentur.de

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