Rauchende Obstfliegen – Forschung an der CAU Kiel

Mit der Hände Arbeit. Geforscht wird natürlich unter dem Mikroskop.

Mit der Hände Arbeit. Geforscht wird natürlich unter dem Mikroskop.

Fruchtfliegen haben kein Wochenende. Ihr Tagesrhythmus bewegt sich mit der Sonne. Dann sind sie wach, mittags befinden sie sich in ihrem Tief. An der CAU Kiel beschäftigt sich Judith Bossen  täglich mit den Tieren. Sie sind das Forschungsobjekt der Doktorandin.

In routinierter Bandarbeit nimmt Judith Bossen (29) eine Plastikrolle mit Fliegen aus ihrem Pappkasten. Er trägt den Titel „Judith Screening“. Sie öffnet das Glas, füllt es mit Stickstoff und legt die Fliegen auf Eis. „On the rocks“ geht es unter das Mikroskop. Sie schaut durch die Linse, sortiert – und entzieht sie sich dadurch der Hektik.

Der Geruch von Fliegenfutter durchzieht das Labor im 8. Stockwerk des Bioturms der Universität Kiel. Ein Mix aus Hefe zieht an der Nase entlang. Vergleichbar mit dem Besuch in einer Zoohandlung: muffig, trocken und unsympathisch. Es geht in eine unerklärbare Welt. Die Tür zum Fruchtfliegenkabinett ist verschlossen. Es erstreckt sich über zwei Flure. Der Kellerraum bewahrt die Fliegenvorräte auf und ist abgetrennt. „Früher habe ich immer gesagt, ich will nie mit Fliegen arbeiten“, sagt die Doktorandin während eines Rundgangs, bis das Labor erreicht wird. Kittel an, der Tag kann losgehen.

Das Labor vereint die 13 Doktoranden der Arbeitsgruppe. Weiße Wände, Regale mit über 50 unerklärlichen Gefäßen und Gläsereien. In denen auch Fruchtfliegen leben. Jeder bewirtschaftet seine eigene Kiste dieses Organismus, jeder seine eigenen Fruchtfliegen. Deshalb muss auch am Wochenende gearbeitet werden. Mikroskope, Herdplatte, Fliegenfuttergeruch liegt in der Luft. Der Blick über die Arbeitsplätze, an den Mikroskopen vorbei durch das Fensterglas bleibt nicht unbelohnt: Botanischer Garten und Holstein-Stadion beruhigen die Augen, nachdem sie durch die künstlichen Gläser belastet werden. Doch diese Fenster dürfen nicht geöffnet werden. Zu gefährlich wäre die Kontamination. Der Fliegenfuttergeruch kann nicht entweichen. „Zu Hause riecht man das“, beschreibt sie. Keine Klimaanlage, dafür aber eine eigene Fliegenfalle.

Fliegen nach Geschlecht sortieren

Judith forscht mit Fruchtfliegen. Fliegen sortieren entlang der langen Schreibtische. Rolle aus dem Kasten holen, Stickstoff hineinfüllen und Fliegen auf Eis legen. Immer wieder zirkuliert dieser Vorgang. Dank Stickstoff und Eis verhalten sie sich still und können sortiert werden: Weiblein, Männlein, Sammeln von Jungfrauen. Die Jungfrauen werden für Versuche benutzt, die Verschrumpelten werden selektiert und entsorgt. Entfernt werden sie in einem gläsernen Gefäß, Wasser mit Spülmittel. Ein leichter Braunton hat sich dort entwickelt, flüchtende Fliegen treffen die Fliegenfalle aus Apfelessig.

Marcus, ein weiterer Doktorand gesellt sich ins Labor und greift nach Judiths Stickstoffflasche. Er benötigt sie für seine ganz eigene Rolle mit Fruchtfliegen. Für den menschlichen Körper sind die Fliegen ein indirektes Ziel. Er beraucht die Tierchen mit Forschungszigaretten. Im Gegensatz zu den gewöhnlichen von der Tanke kennen die Laboranten definierte Schadstoffe und Inhalte. Manchmal werden die Fruchtfliegen davon bewusstlos, manche sterben, manche überleben ihr Schicksal. Genau dann werde es spannend, erzählt Judith, während sie weiterhin am Mikroskop arbeitet und sortiert. Die Fliegen werden von Fremdfirmen mit DNA-Injektionen versehen, kommen zurück, um wieder erforscht zu werden. Das Atemgewebe wird herauspräpariert. Welche Veränderungen haben sich ergeben? Neugierige Forschungsfragen und neue Erkenntnisse ziehen einen Kanal für die Vorbereitung innovativer Medikamente. Dann kommen allerdings schon Mäuse ins Spiel. Die eignen sich als kleine Säugetiere besser.

Im Mittagstief schlafen Fliegen doch

Szenenwechsel. Vom saunaartigen Labor gelangt Judith in einen fliegenärmeren Bereich: das Büro. Der Raum lässt den Körper etwas runterkühlen. Es ist ein gewöhnliches Uni-Büro. Brotdose, Kittelpflicht bleibt aus, Tastatur, Bildschirm. Hier werden die Ergebnisse nach langer Sortierarbeit mit den Händen ausgewertet. Judith bereitet eine zoologische Konferenz vor, bei der fast alle Bioturminsassen dabei sein werden. Nur einer wird wohl im Labor bleiben müssen, denke ich mir dabei. Im Mittagstief schlafen die Fliegen doch.

Der Vorgang ist geschafft. Die Fruchtfliegen sind sortiert. Der menschliche Bezug ist ein Markenzeichen der Forschung in Kiel. Immer alles für den Menschen im Endeffekt.

Den Geruch des Fliegenfutters gleitet beim Verlassen des Gebäudes schnell aus der Nase. Dabei erinnert es an eine Schlüsselszene: „Die Strukturen der Fruchtfliege verändern sich. Man fasst dann eher keine Zigarette mehr an.“ Sie arbeitet an einem Lungenkrebsmodell in der Fliege. Längst sind also die lästigen Biester am gärenden Obst im Vorratsschrank, in den Obstständen der Supermärkte oder im Kühlschrankbereich des Mitbewohners keine Feinde mehr, sondern oben im Turm, Am Botanischen Garten, Helden unseres selbst verschuldeten Verhaltens.

Arbeitsplatz: Das Labor im Bioturm 8. Stock

Arbeitsplatz: Das Labor im Bioturm 8. Stock

Ein Gedanke zu „Rauchende Obstfliegen – Forschung an der CAU Kiel

  1. Carsten Becker

    Hallo,
    in diesem Herbst saß ich in meinem Garten, als ich eine Fruchtfliege auf meinem Arm zerklatschte.
    Zurück blieb auf meinem Arm ein kleiner Schmierfleck und eine klitzekleine Zecke, die auch gleich meinen Arm hinaufkletterte und schwer zu entfernen war, weil sie so klein war und sich auch wirklich gut an meiner Haut festgehalten hat.
    Vielleicht ist das interessant für Sie.
    Gruß, Carsten

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