Das Ehrenamt – Unverzichtbar für eine Gesellschaft

Blick auf das diesjährige Zeltlager in Bayern. Was bewegt die Menschen zum Ehrenamt?

Man stelle sich einmal vor: Es ist Uni und keiner geht hin. Durch die Neuregelung der Anwesenheitspflicht an der CAU Kiel blieb so mancher Stuhl leer. Für Studierende mit ehrenamtlicher Tätigkeit bewirkt dies eine große Unterstützung. Ich, 24 Jahre alt, beichte, dass ich drei Wochen lang geschwänzt habe, um mit Kindern ins Zeltlager zu fahren. Dabei dachte ich darüber nach, was das Ehrenamt für das Kollektiv und mich bedeutet. Ein Essay.

Ein Segen für das Ehrenamt

Seit nun fast zehn Jahren fahre ich als Betreuer jeden Sommer mit über 60 Kindern und Jugendlichen aus meiner Heimat Delmenhorst in die entlegensten Ecken Deutschlands. Dort schlagen wir anschließend unsere Zelte auf, um zwei Wochen lang Natur zu genießen. Wer das kennt, weiß von welcher Leidenschaft ich da schreibe. Genau wie ich, tragen meine zwanzig Kollegen das Feuer für die gemeinsame Sache und das Ehrenamt in sich. Es klingt unvermeidlich paradox. Neben der Planungszeit nehmen sie sich vierzehn Tage Urlaub von Studium, Beruf oder Privatem, damit sie ohne Entgelt arbeiten dürfen. Das sind oftmals vierzehn Tage von dreißig verfügbaren Urlaubstagen. „Wir arbeiten zwar hart, dafür bekommen wir auch kein Geld“, so wird in lustigen Runden gescherzt

Dass ausgerechnet die Studierenden vor vielen Problemen stehen, wenn sie einer solchen ehrenamtlichen Tätigkeit nachgehen wollen,verwundert zunächst. Doch: Mal abgesehen von einer legitimen Prüfungsvorbereitung klingt die Aussage „Ich darf nur zweimal fehlen“ wie ein schlechter Scherz. Leider ist sie bitterer Ernst. Wer studieren will oder nicht vom BAföG-Amt wegen fehlender Leistungspunkte malträtiert werden möchte, darf sich zwischen Fehlen und Nicht-Fehlen entscheiden. Dadurch konnten manche von anderen Unis nur eine Woche mitfahren oder mussten es versäumen, ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit nachzugehen. Auch ich durfte in den vergangenen Semestern Module hin- und herschieben, Dozenten anflehen und unterm Strich auch etwas länger studieren.

Die Neuregelung der Anwesenheitspflicht an der CAU Kiel kam also für mich wie ein Segen. Mit dieser kann nun jeder kommen, wann und wie er will. Dachte ich vor dem Semester noch an wilde Szenarien, konnte ich nun selbst über meine Anwesenheit entscheiden. Darin liegt der sinnvolle Gehalt der Regelung, gleichzeitig natürlich auch das Risiko, einfach wegen zu langer Nächte den Sprung in die Veranstaltung nicht zu schaffen. Das fühlt sich beinahe wie ein Durchleben alter, romantischer Diplom-Zeiten an. Die Universität hat sich nun in dieser Hinsicht ein Stückchen Freiheit von der betonten Einengung der Bologna-Reform zurückgeholt.

Doch wie können Anreize entstehen, ohne Entgelt zu arbeiten?

Ohne eine ordentliche Bezahlung seine Zeit in ehrenamtliche Arbeit zu investieren, ist für viele eine unvorstellbare Praxis. Der Tonfall wird dann oft sarkastisch, wenn von einer solchen Tätigkeit erzählt wird. Zudem fallen Äußerungen gegenüber Studierenden, wie zum Beispiel: „Geh doch einmal richtig arbeiten“. Dabei spiegelt das Ehrenamt den ursprünglichen Begriff von Arbeit besser wider, als es zunächst erscheinen mag. Mittlerweile wird der Arbeitsbegriff von unserer Gesellschaft auf eine knappe Formel reduziert. Demnach würde „Arbeiten“ bedeuten, dass man für eine Tätigkeit oder einen Prozess eine materielle Belohnung erhält. Das metaphorische „Sich-im-Hamsterrad-Drehen“ wird darauf mit einer Ruhepause entlastet. Folglich verbreitet sich eine grassierende Unzufriedenheit. Zweifellos muss das nicht so sein. Ein großer Teil findet seine Selbsterfüllung auch im Beruf. Wer allerdings nur für eine Belohnung arbeitet, wird nicht mehr von einer ganzheitlichen Erfüllung oder Motivation getragen.

Die Macht der „Nächstenliebe“

Im Ehrenamt verhält sich das deutlich anders. Hier besteht der Anreiz für Arbeit nicht in einer reinen Kausalbeziehung zu Geld. Der Nutzen verbirgt sich in anderen Sphären. Wer sich für unentgeltliche Tätigkeiten entscheidet, handelt aus Spaß, Leidenschaft, Gemeinschaft oder für einen höheren Sinn, der wiederum das Gemeinwohl adressiert. Warum also die Freiwillige Feuerwehr schlaflose Nächte durchlebt, der Student abends noch einen Deutschkurs für Geflüchtete erteilt oder der Jungpolitiker lieber eine Rede als eine Klausurzusammenfassung schreibt, liegt in der Macht der „Nächstenliebe“.

Ebenso besteht diese religiöse Verknüpfung in der etymologischen Bedeutung des Wortes „Ehrenamt“: für Gotteslohn zu arbeiten. Heute charakterisiert dieses Wort eher die Grundpfeiler einer funktionierenden Gesellschaft: Mit meinen Fähigkeiten und Fertigkeiten stelle ich dem anderen ein Angebot zur Verfügung. Bei der Gestaltung des Angebotes ist das Individuum aufgefordert, selbst Entscheidungen zu treffen und genießt die volle Bandbreite der Wahlfreiheit. Das macht den impliziten Lohn aus. Und ja, die Feiern und Feten, die eventuell im Anschluss stattfinden, könnten parallel zur weiteren Motivation beitragen.

Ohne die vielen Frauen und Männer, die in Deutschland ein Ehrenamt ausüben, wäre unser Land um vieles ärmer und unser Gemeinwesen so nicht denkbar.“

Der jüngst verstorbene Helmut Kohl rundet mit diesem Zitat eine wichtige Strukturperspektive ab. Der Zusammenhalt einer Gesellschaft ist durch den Gedanken des Gemeinwohls und auch durch Freundschaftsgeflechte gekennzeichnet. Sowie der Staat Aufgaben an ehrenamtliche Köpfe und Vereine verteilt, sehen sich viele Menschen berufen, die Gesellschaft durch ihren Beitrag atmen zu lassen.

Wie arm wären wir ohne unsere Hilfsbereitschaft? Das Ehrenamt in den Parteien sorgt für politische Strukturen, eine demokratische Vielfalt und neue Ideen. In Verbindung mit Leidenschaft und Spaß betrachte ich es als wichtige Erfüllung des Lebens und Weiterbildung. Nebenbei darf es auch als netter Aufhänger im Lebenslauf dienen. Pessimistischer beurteile ich hingegen neuere Tendenzen. Durch die Ökonomisierung des Lebens fehlen an vielen Stellen ehrenamtliche Mitarbeiter. Bedingt durch viele Verpflichtungen fehlt ihnen häufig die nötige Zeit. Eine „Kultur des Nebenjobs“, schon zu Beginn der Oberstufe, entwickelt sich sukzessiv. Ebenso nagen viele Studierende ohne Nebenjob am eigenen Existenzminimum und teilweise arbeiten sogar Auszubildende in einem Zweitjob am Wochenende. Das ist genauso schade wie eine „Bestrafung“ bei einer dritten Fehlzeit in einem Seminar. Denn das Ehrenamt verliert hier.

Das Ungeheuer wird geweckt

Diese Rationalisierung beschränkt die Freiräume und Gestaltungsfreiheit, die sich daraus generieren lässt. Vereine und Parteien klagen über niedrigere Mitgliederzahlen. Experten und Forscher monieren eine Verrohung der Gesellschaft. Wer das Ehrenamt verdrängt, weckt die Ungeheuer zwischen den Kratern einer sich spaltenden Gesellschaft.

 

2 Gedanken zu „Das Ehrenamt – Unverzichtbar für eine Gesellschaft

  1. M. Hammer-Kruse

    Danke Patrick,

    Du sprichst mir aus der Seele! Ich bin als Erwachsener ehrenamtlich in einer örtlichen Leitungsfunktion für einen Jugendverband tätig. Ich kenne das Problem, Studierende für die eherenamtliche Mitarbeit zu gewinnen, seit jeher. Durch Bologna ist es – diplomatisch formuliert – damit nicht gerade besser geworden. Neben Fahrten und Lagern verlangen auch die wöchentlichen Gruppenstunden unseren Mitarbeitenden einiges ab.

    Ich habe allerdings auch schon Sechstklässler erlebt, die mit erklärt haben, dass sie sich abmelden müssten, weil sie neben der Schule keine Zeit mehr für eine regelmäßige wöchentliche Nachmittagsaktivität haben. Sie müssten schließlich an ihr Abitur denken …

    Da entschärft sich das Problem in gewisser Weise von selbst. Denn wofür braucht man noch Betreuer, wenn die Kinder eh keine Zeit mehr haben?

    Irgendwas in unserer Gesellschaft ist da verkehrt.

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  2. Reinecke

    Das Ehrenamt funktioniert nur in einer homogenen Gesellschaft, in einer heterogenen Gesellschaft fehlt es an der Verbundenheit bzw. Identifizierung mit dem Verein o.Ä. in dem ehrenamtliche Arbeit praktiziert wird. Es wäre sicherlich interessant zu forschen wie viele Migranten ein Ehrenamt ausüben und wie groß die Bereitschaft bei ihnen im Gegensatz zu Personen, deren Eltern bereits deutsch sind, prozentual ist.

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