Medizin und sonst nichts?

Das Medizinstudium ist nach wie vor beliebt. Im Wintersemester 2017/18 schrieben sich 9660 Erstsemester in diesen Studiengang ein. Die Zahl der Bewerber steigt stetig an und die Anzahl der Studienplätze, die das staatliche System bietet, deckt bei weitem nicht die Nachfrage ab. Ein Teil der Interessenten geht daher den Weg weg von den staatlichen Universitäten, hin zu privaten Institutionen im In- u. Ausland, was mit einem erheblichen finanziellen Aufwand verbunden ist oder wartet etliche Jahre, um einen Platz im staatlichen System zu erhalten. Ist das der Traum vom Medizinstudium wert?

5, 6, 18000, 15 – Diese Zahlen stellen aktuell die Situation für Abiturienten dar, die nach der Schule Humanmedizin studieren wollen. Derzeit kommen im Schnitt fünf Bewerber auf einen Studienplatz an den 37 staatlichen Hochschulen, die dieses Studium anbieten. Für einen von den fünf Bewerbern reicht es. Für die anderen vier gibt es die Möglichkeit an sechs privaten Universitäten in Deutschland Medizin zu studieren. Seit diesem Wintersemester ist es möglich, an der Medical School Hamburg für ungefähr 18 000 Euro im Jahr seinen Traum vom Medizinstudium zu verwirklichen. Dies ist nur ein Beispiel, von denen es eine Vielzahl weiterer im europäischen Ausland gibt. Gemeinsam haben sie, dass der finanzielle Aufwand sich auf einem ähnlich hohen Niveau befindet. Die stetige Neugründung solcher privaten Universitäten und medizinischen Fakultäten zeigt, dass eine nicht unerhebliche Zahl von Studenten bereit ist, diesen Preis zu zahlen, um sich den Weg zum Arztberuf zu ermöglichen. 15 Wartesemester – siebeneinhalb Jahre, musste man bis vor kurzem sammeln, um mit einer weniger guten Abiturnote sicher einen Studienplatz zu ergattern. 20 Prozent der Studienplätze wurden so verteilt, was bedeutet, dass eine nicht unerhebliche Zahl an Medizinstudierenden diesen Weg des Wartens gegangen ist. Woher kommt der verbissene Wunsch dieses eine Fach zu studieren? Trotz der Tatsache, dass ich selbst für Medizin an der Uni Kiel eingeschrieben bin, ist es für mich keine Option dem Wunsch Arzt zu werden bedingungslos nachzujagen. Zu vielfältig sind meine Interessen, zu groß ist das Angebot an Alternativen. Und ganz ehrlich: Das Medizinstudium ist nicht so attraktiv ist, wie man glaubt.

Nach dem Studium ist man noch lange kein Arzt

Man könnte denken im Studium lernt man das Handwerkszeug des Arztes: Krankheiten erkennen und Menschen heilen. Dies trifft nur bedingt zu. Anfangs sitzt man in Lehrveranstaltungen, die Titel tragen wie: Physik, Chemie und Biologie. Es ist wichtig solche Grundlagenfächer zu lernen, aber erstmal weit weg von Krankheiten erkennen und Menschen heilen. Dies folgt erst nach den zwei Jahren, die den treffenden Titel Vorklinik tragen. Nachdem man sein naturwissenschaftliches Wissen bezüglich des gesunden Menschen im Physikum nachgewiesen hat und nun in den klinischen Teil des Studiums eintritt, könnte man meinen, dass nun die Zeit gekommen ist Krankheiten zu erkennen und Menschen zu heilen, aber dem ist mitnichten so. Man belegt zwar fast alle Fächer, die man später auch als Arzt ausüben kann, aber was man lernt ist rudimentär. Dies ist primär des sehr vollen und vielseitigen Curriculums geschuldet. Man lernt die typischen Krankheiten des Faches kennen und sieht sich Fallbeispiele an, aber in die Tiefe geht man nicht. Ein Beispiel: Nur weil ich die Klausur für Chirurgie bestanden habe, bin ich bei weitem kein Chirurg. Ich erkenne mit etwas Glück oder bei sehr offensichtlichen Symptomen, was dem Patienten fehlt. Wie man das behandelt, weiß ich nur grob. Dazu fehlt mir die Erfahrung, die man erst nach Abschluss des Studiums sammelt. Ein Lehramtsstudierender lernt schon während des Studiums wie man eine Klasse unterrichtet und wird dies mit Sicherheit nach seinem Abschluss eigenständig machen. Ein Medizinstudent wird nach seinem Abschluss mit Sicherheit keine Darmspiegelung vornehmen. Nach dem Studium darf man sich zwar Arzt nennen, aber wie man Arzt ist und Krankheiten erkennt und Menschen heilt, lernt man erst danach.

Auswendig lernen, auswendig lernen, auswendig lernen

Ein jeder Medizinstudent kennt folgenden Witz: Wenn man einem Studenten irgendeiner Fachrichtung und einem Medizinstudenten ein Telefonbuch gibt mit der Aufgabe es auswendig zu lernen, fragt der eine „Warum?“, während der Medizinstudent fragt: „Bis wann?“. Obwohl es nur ein Witz ist, steckt viel Wahrheit drin. Ein Bestandteil fast jeden Studienganges ist das Auswendiglernen von Fakten, doch in wenigen Studiengängen nimmt es einen höheren Stellenwert ein. Ein Großteil der geistigen Kapazitäten geht während des Studiums dafür drauf, sich viel Wissen in kurzer Zeit zu merken, um dies dann in Multiple-Choice-Fragen wiederzugeben. Nicht, dass das nicht anstrengend und fordernd ist, aber dies beruht weniger darauf, dass man an seine geistige Leistungsgrenze stößt. Medizin erfolgreich zu studieren, ist vielmehr eine Frage des Fleißes. Selten muss man einen zusammenhängenden Text schreiben, in dem man beispielsweise seinen Standpunkt darlegt oder eine Formel herleiten, die man ohne das richtige Verständnis nicht richtig anwenden kann. Die größte geistige Anstrengung, die man hat, ist auszurechnen wie oft man im Kurs fehlen darf, um trotzdem den Schein zu bekommen. Die Fähigkeit wissenschaftlich zu arbeiten, erlernt man kaum im Studium. Wenn man dann promovieren will, ist es oftmals so, dass man zum ersten Mal richtig wissenschaftlich arbeitet und zum ersten Mal einen längeren Text verfasst. All das haben Studenten anderer Studienfächer einem voraus. Dennoch hat man den Nimbus ein besonders schlauer Student zu sein, weil die Hürde an einen Studienplatz zu kommen so hoch ist und man sich als besonders privilegiert fühlt, weil man einer von fünf ist, der es geschafft hat. Zurecht? Wahrscheinlich nicht.

Das Studium vereinnahmt das Leben

Ein weiterer Witz: „Woran erkennt man einen Medizinstudenten? – Er erzählt es dir.“ Auch da steckt viel Wahres drin. Dieses Studium nimmt viel Zeit in Anspruch. Man hat in den Semesterferien insgesamt sieben Monate Praktika zu absolvieren und im Semester sind viele Veranstaltungen anwesenheitspflichtig. Ein Gros der Studierenden beginnt während des Studiums mit einer Doktorarbeit. Man studiert nicht auf dem Hauptcampus, sondern im Uniklinikum. Mit Studierenden anderer Fächer kommt man im Unialltag kaum in Kontakt. Der Alltag wird stark vom Studium bestimmt. Dies führt dazu, dass man schnell in eine Art „Medizinerblase“ abrutscht. Der Großteil der Leute, denen man begegnet, studiert das gleiche wie man selbst. Viele, die das Fach studieren, studieren es nicht nur, sie leben es regelrecht. Sie legen einen Habitus an den Tag, als wäre Medizin das Zentrum der Welt. Die Themen, die man mit ihnen bespricht, führen zwangsläufig irgendwann zu Medizin. Die Vorstellung im Studium bei Bier und selbstgedrehten Zigaretten bis fünf Uhr in der Frühe in der WG-Küche zu sitzen und angeregte Diskussionen über Adorno, die neue Platte der Arctic Monkeys oder den Kommunismus zu führen, bleibt eine Wunschvorstellung. Ich bezweifle, dass manch ein Kommilitone, jemals etwas Medizinfernes in seiner Freizeit gelesen hat, seitdem er studiert. Dieser Eindruck kommt schon mal, wenn man sich in den Vorlesungen umschaut.

Oft kommt man sich als Hochstapler vor

Im Laufe des Studiums absolviert man viele Kurse im Krankenhaus und hat Unterricht am Patienten. So findet man sich oftmals in der Situation, im weißen Kittel auf dem Krankenhausflur zu stehen. Ein mancher Kommilitone kommt sich nun wie der Halbgott in Weiß vor. Meist ist es der gleiche Kommilitone, der noch nie etwas anderes als „New England Journal of Medicine“ oder „The Lancet“ in seiner Freizeit gelesen hat. Mit seinem Kittel und dem Stethoskop in der Tasche sieht man schon wie ein fescher Arzt aus. Doch was kann man wirklich? Wenn man ehrlich zu sich selbst ist, außer Blut abnehmen und Zugänge legen nicht viel. Plötzlich weicht das Bild des Halbgottes in Weiß dem Bild des Studenten mit Arztverkleidung. In mir erweckt diese Situation eine gewisse Unbehaglichkeit, da man für Außenstehende und Patienten wie ein Arzt aussieht, aber vom Wissen und Können weit entfernt ist. Im Laufe des Studiums nimmt dieses Gefühl ein wenig ab, aber gerade am Anfang ist es sehr präsent, da man nicht nur nicht viel kann, sondern auch nicht viel weiß.

Bloß nicht stören!

Wie bereits angesprochen, absolviert man innerhalb seines Studiums sieben Monate Praktikum. Drei Monate in der Pflege und vier Monate in Praxen und Krankenhäusern. Wer jetzt denkt, dass man selbstständig arbeitet und viel Praktisches für den späteren Beruf erlernt, der irrt. Die Erfahrungen, die man macht, sind eher beobachtender Natur, als praktischer. Als Praktikant kann man in der Medizin nicht viel machen, da einem entweder die Befugnis oder die Fähigkeit fehlt. Die meisten, die im Krankenhaus arbeiten, haben mit ihrer eigentlichen Arbeit genug zu tun. Als Student kann man ihnen wenig helfen. Am hilfreichsten ist man, wenn man nicht zusätzliche Arbeit verursacht und nicht im Weg steht. Wie schafft man das? Am besten indem man sich unauffällig irgendwo platziert und beobachtet. So sind meist nur die ersten Wochen eines Praktikumsabschnittes lehrreich, da man neue Dinge sieht und neue Sachen lernt, die darauffolgenden Wochen sind dazu da seine benötigten Praktikumstage bescheinigt zu bekommen, um zum Examen zugelassen zu werden und dabei möglichst versuchen, niemandem zur Last zu fallen.

Nicht um jeden Preis

Wenn man nun an dieser Stelle des Textes angekommen ist, hat man noch immer den Wunsch viele Jahre auf den vermeintlich traumhaften Studienplatz zu warten? Ist man noch immer bereit tausende von Euro dafür auszugeben, um in Ungarn, Lettland oder Polen den Traum vom Arztberuf nachzujagen?

Ich studiere gerne Medizin. Würde ich wieder in der Situation sein, frisch mein Abitur erhalten zu haben und nun entscheiden wie es für mich weitergeht, würde ich abermals die Entscheidung für dieses Studium treffen. Würde ich um jeden Preis Medizin studieren, weil es mein Lebenstraum ist und nichts anderes in Frage kommt, koste es, was es wolle? Auf gar keinen Fall.

Von Huy Duc Le

Ein Gedanke zu „Medizin und sonst nichts?

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