Bin ich zu alt, um zu studieren?

Na verkatert? Heute cheapen? Gehst du nachher noch in die Bib? Ich sitze im Hörsaal. Rund hundert 18 bis 20-Jährige sitzen in der Erstsemester-Vorlesung und gehen Ihrem Studium nach. Die, die aus dem Muster fällt, bin ich.

Ich bin 27, gehe nicht mehr zwei Mal pro Woche, sondern eher alle zwei Monate feiern. Ich habe schon eine abgeschlossene Berufsausbildung und ein Studium (welches ich bislang mangels Überzeugung nicht beendet habe) hinter mir. Und jetzt sitze ich hier. Zwischen lauter 19-Jährigen, habe das Gefühl auf dem gleichen Stand zu sein wie sie und fühle mich alt.

Ich fühle mich hier falsch

Ich wandere von Vorlesung zu Vorlesung, setze mich rein und hoffe so herauszufinden, wie ich meine Karriere gestalten will. Ideen habe ich. So ist es nicht. Aber ich habe auch Ängste: Was, wenn ich mich falsch entscheide? Wenn ich ein zweites Mal den falschen Weg einschlage? Was wenn ich am Ende des Studiums zu alt bin, für den Arbeitsmarkt? Ich bin nicht an diesem Punkt, weil ich mir einfach Zeit gelassen hätte. Nein. Ich habe mir nur leider viel zu spät eingestehen können, dass der Weg den ich gehe nicht mein Weg ist. Ich habe auch nicht vor noch ewig zu studieren. Aber drei Jahre dauert ein Studium nun mal und dann bin ich 30. Und so kommt der Gedanke, hier irgendwie falsch zu sein. Ich sollte nicht zwischen all den jungen Leuten sitzen. Ich sollte Arbeiten, längst einen Studienabschluss haben und spätestens jetzt in den Berufsalltag einsteigen. Und bei all diesen Gedanken habe ich immer das Gefühl, damit alleine zu sein.

Plötzlich sehe ich um mich herum nur noch Menschen die jünger sind als ich, und dabei beruflich weiter. Aber stimmt das? Bin ich damit alleine? Ist es wirklich so, dass alle mit Mitte 20 ihren Studienabschluss machen und in die Arbeitswelt eintauchen? Oder ist das selektive Wahrnehmung? Den ersten kleinen Trost bekam ich bei der Berufsberatung von der Agentur für Arbeit. Mein Berufsberater sagte mir, dass es viele Leute gibt, die in meinem Alter ohne den gewünschten Abschluss dastehen und nicht mehr weiterwissen. Manche, weil sie den falschen weg gewählt haben. Manche, weil sie endgültig durchgefallen sind.

Wo seid ihr?

Leider, sehe ich, genau diese Leute nicht. Es soll sie geben, aber begegnen tun sie mir nie. Wahrscheinlich, weil man nicht so gerne darüber redet. Deswegen habe ich mich auf die suche gemacht. Ich wollte Zahlen, wollte wissen ob ich wirklich nicht alleine bin. Zum anderen wollte ich wissen, ob das mit dem Alter wirklich so dramatisch ist, wie ich das immer denke. Kurz, ich wollte wissen ob ich zu alt bin, um noch einmal ein Studium anzufangen.

Von der CAU habe ich Zahlen bekommen, die belegen in welchem Alter die Studierenden im Jahr 2019 ein Erststudium begonnen und abgeschlossen haben. Im Jahr 2019 haben 5.638 Leute ein Erststudium an der CAU aufgenommen. Die meisten waren zu dem Zeitpunkt 19 oder 20 Jahre alt. Das überrascht natürlich nicht. Tatsächlich waren jedoch immerhin 11 Prozent der Studienanfänger zum Beginn ihres Studiums älter als 25 Jahre. Klar im ersten Moment klingt das nicht wirklich viel, aber wenn man es sich mal bildlich vorstellt, dass ca. jeder 10. im Vorlesungssaal auch 25 oder älter ist, wirkt es plötzlich gar nicht mehr so wenig. Und bei den Absolventen sieht das ganz ähnlich aus. Auch da waren es 10 Prozent der Studienabsolventen im Jahr 2019, die zum Zeitpunkt ihre Studienabschlusses bereits 30 Jahre oder älter waren.

Ich wollte den klassischen Weg

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich persönlich immer wieder Zweifel habe. Ich habe mir immer vorgenommen den klassischen Weg zu gehen. Mit 27 oder 28 mit dem Studium fertig zu sein und dann direkt ins Berufsleben einzusteigen. Ohne Umwege direkt in Ziel. Jetzt ist es anders und ich werde mich auf einem anderen Weg durchkämpfen. Sicher gibt es einige, die das ganz locker sehen und sich einen solchen Stress gar nicht machen. Andere sehen das bestimmt auch ganz ähnlich kritisch wie ich und finden das mehr oder weniger schlimm.

Das Wissen kann mir keiner nehmen

Nachdem ich diese Zahlen der CAU gesehen habe, würde ich sagen: Klar, man geht mit einem Studium in dem Alter nicht gerade den klassischen Weg und auch nicht den Weg, den die Mehrheit geht. Aber alles hat seine Vor- und Nachteile. Sicher ist man vielleicht nicht so gut im Lernen drin wie man es ist, wenn man direkt vom Abitur kommt. Aber dafür weiß man eventuell schon um einiges besser warum man das macht was man gerade macht. Vielleicht hast du vorher so wie ich schon etwas anderes studiert? Das Wissen kann dir keiner mehr nehmen. Oder Du hast bereits gearbeitet? Damit hast du Berufserfahrung, die dich nach vorne bringt. Oder Du hast schon eine Ausbildung gemacht? Großartig, vielleicht findest du die für die Kombination aus deiner Ausbildung und deinem Studium, genau passende Lücke. Sicher ist es Ansichtssache, wie man damit umgeht. Es ist die Frage, ob der berufliche Werdegang gerade sein muss oder ob man auch bereit ist sich über Umwege zum Ziel zu kämpfen.

Aber im Endeffekt ist es ganz egal, wie wir zum Ziel gekommen sind. Denn wir werden alle unseren Weg gehen. Und ich bin mir sicher, dass ich allen, die sich ihrer Sache nicht ganz so sicher sind und allen die Angst davor haben, wie sich ihr beruflicher Weg entwickeln wird, sagen kann: Ihr seid nicht alleine und vielleicht ziehst du genau aus den Umwegen die du gegangen bist, deinem „fortgeschritteneren“ Alter und allem, was deinen Weg sonst noch weniger gerade hat werden lassen, genau die Qualitäten, die Dich für deinen späteren Arbeitgeber zu dem Perfekten Kandidaten werden lässt. Also Ihr Lieben, Stift in die Hand, Collegeblog geraderichten, weiter studieren.

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