Zwischen Universität und Festanstellung – meine Berufserfahrung als Sozialpädagogin

Für mein Lehramtsmasterstudium hatte ich einen konkreten Zeitplan im Kopf: Ich schreibe alle Prüfungen in vier Semestern und nehme mir dann ein Semester Zeit für die Masterthesis. Dann Referendariat, Abschluss, Verbeamtung. Heute frage ich mich, warum ich es so eilig hatte. Durch meine sozialpädagogische Tätigkeit im Projekt AYENDA 2.0. bei der inab Kiel kam alles etwas anders – und ich bin froh darüber.

Das vierte Semester war vorbei und ich stand vor einer großen Entscheidung: Passt eine Vollzeitstelle noch in meinen Zeitrahmen? Das Thema für die Masterthesis hatte ich schon vorbereitet und auch schon einem Professor vorgestellt. Die ersten Berufserfahrungen bei der inab Kiel habe ich bereits 2018 als Lehrkraft für das Fach Deutsch als Fremdsprache sammeln können. Parallel zur Vorbereitung der Masterthesis bewarb ich mich als pädagogische Mitarbeiterin für das Projekt AYENDA 2.0. bei der inab Kiel.

 Am 02. September 2019 sollte das von der Stadt Kiel finanzierte Projekt starten. Das Projekt richtete sich an volljährige Geflüchtete. Bei den Teilnehmenden handelte es sich überwiegend um Afghanen, Iraker und Kurden aus dem Irak, die besonders schwierige Ausgangsvoraussetzungen für eine Vermittelbarkeit in Ausbildung oder Arbeit mitbrachten. Die Zielgruppe war durch eine beachtliche Heterogenität hinsichtlich der Herkunft, des Bildungsgrades, der Aufenthaltsdauer und des Sprachniveaus gekennzeichnet. Neben einem unsicheren Aufenthaltsstatus wiesen die Teilnehmer der Zielgruppe unterschiedliche Vermittlungshemmnisse wie Sprachdefizite beziehungsweise mangelnde berufsbezogene Deutschkenntnisse, eine schwierige Wohnsituation sowie fehlende Schulabschlüsse auf.

Warum so kurz vor dem Ziel

stehen bleiben?

Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass meine damalige Chefin mich auch gerne in einem weiteren Projekt beschäftigen möchte. Aber ich hatte doch den perfekten Plan für den Master! Es fehlt doch ‚nur‘ noch die Thesis, die Noten stimmen doch auch! Ich kann doch nicht kurz vor der Ziellinie stehen bleiben? Und wie erleichtert wäre ich doch, wenn ich auch noch mit dem Referendariat direkt im Anschluss beginnen könnte! Ich ging ein – für meine Verhältnisse – großes Risiko ein.

Ich hörte auf mein Bauchgefühl und unterschrieb den Vertrag. Trotz der drei Praktika während des Studiums habe ich mich nicht bereit gefühlt. Die Vermittlung von Fachwissen im Unterricht wäre gar nicht unbedingt das große Problem gewesen. Aber ich hatte einige Male das folgende Szenario im Kopf: Ich stehe vor einer Klasse und es kommt die Frage auf, wie mein Werdegang aussah. Ich hätte meinen Schülern lediglich von meinem Studium und kürzeren Beschäftigungen berichten können. Ich habe oft daran gedacht, ob ich ausreichend Lebenserfahrung für den Start in den Lehrerberuf gesammelt habe. Insbesondere vor dem Hintergrund dieser Aspekte erschien mir die Bewerbung sinnvoll.

Ich wurde zur Vertrauten

Ich konnte mich (sozial-)pädagogisch ausprobieren und einer Gruppe für eine längere Zeit beratend zur Seite stehen. Das Projekt erlaubte mir mein fachliches Wissen wie beispielsweise Inhalte des Asylgesetzes auszubauen. Ich setzte mich mit Themengebieten wie beispielsweise der Schuldner- und Drogenberatung auseinander, mit denen ich mich weder im privaten noch im universitären Kontext beschäftigte. Besonders am Herzen lag mir aber der Umgang mit den Teilnehmern und wie ich sie bestmöglich in das deutsche Sozial- und Bildungssystem (mit)einbinden könne. So begleitete ich die Teilnehmer zu unterschiedlichen Behörden, Arztterminen und Vorstellungsgesprächen. Nach und nach sollten sie lernen, ihre Termine alleine wahrzunehmen. Auch das gemeinsame Kochen und das Aufräumen gehörte zum Tagesplan. Einigen ist es zu Beginn des Projekts noch sehr schwer gefallen, das Geschirr und den Müll anderer Teilnehmer wegzubringen, da dies nicht ihrem Rollenbild eines Mannes entsprach. Im Team stellten wir zu Beginn des Projekts unsere goldene Regel vor: Wir sind eine Gruppe und alle werden hier respektiert. Sowohl zu Tisch als auch im Unterricht wurden genderspezifische Themen wie die Geschlechterrollen und die Gleichberechtigung von Mann und Frau thematisiert. Einige Teilnehmer erzählten mir erst viel später, welche Wirkung ich als Frau auf sie hatte. Sie bedankten sich dafür, dass sie mit mir über alles sprechen konnten und ich allen Themen (Liebesbeziehungen, Sexualität etc.) gegenüber eine offene Haltung hatte. Sie schätzen es, dass ich diese Themen im Unterricht integrierte und ihnen damit signalisierte, dass sie auch über solche Themen mit mir sprechen können und es ihnen nicht peinlich sein muss. Sie erläuterten, dass es nicht damit einhergeht, dass sie mir nicht vertrauen. Vielmehr hat es mit ihrer Erziehung zu tun. Sie haben in ihren Herkunftsländern kaum die Gelegenheit gehabt, sich mit ‚fremden‘ Frauen zu unterhalten. Es wäre für sie ein Akt der Respektlosigkeit gewesen, wenn sie mit mir über private Themen sprechen.

Die Schicksale begleiteten mich auch nach Feierabend

 Die Tatsache, dass ich Dari spreche, eine der zwei Amtssprachen in Afghanistan, gab den meisten Teilnehmern eine zusätzliche Sicherheit. Sie fühlten sich verstanden und wollten verstanden werden. Sie erzählten mir, dass sie mit ihren Tandempartnern oder auch ehrenamtlichen Helfern gerne über ihre Erlebnisse, Traditionen und politischen Verhältnissen in ihrem Herkunftsland sprechen möchten, dies jedoch aufgrund sprachlicher Defizite scheitert.  Die Arbeit bereitete mir Freude, brachte mich jedoch oft auch nach Dienstschluss zum Nachdenken. Es war nicht immer einfach, einer Person Mut und Zuversicht zuzusprechen, wenn auch das siebte Vorstellungsgespräch aufgrund Verständigungsschwierigkeiten schlecht ausging. Auch die Enttäuschung über eine erneute Duldung anstelle einer Aufenthaltserlaubnis war bei den meisten sehr groß. Umso wichtiger war es mir, dass die Teilnehmenden trotz Niederschläge auf meine Unterstützung bauen konnten.

Plötzlich ging es bei mir nicht mehr nur um Noten

Natürlich habe ich mit dem Gedanken gespielt, alles unter einen Hut zu kriegen und das Studium zu beenden. Es wäre vielleicht sogar machbar gewesen. Ich habe mich schnell mit dem Gedanken angefreundet, nach der Arbeit auch mal Zeit für mich einzuplanen. Es tat gut, nach der Arbeit mal stundenlang spazieren gehen zu können. Es tat gut, nicht an die Öffnungszeiten der Fachbibliothek zu denken. Es tat gut, einfach mal ein zeitaufwendiges Rezept auszuprobieren und seine Freunde zum Essen einzuladen. Nach dem Abitur habe ich direkt mit dem Bachelor angefangen und ohne Unterbrechung mit dem Master weitergemacht. Neben dem Studium habe ich noch gearbeitet und zusätzlich mehrere Nachhilfeschüler gehabt. Ich habe erst während der Pause gemerkt, wie viel Energie mich das Studium kostete. Manchmal vergaß ich sogar, dass ich acht Stunden täglich arbeitete. Es ging eben nicht mehr nur darum, die besten Noten zu bekommen. Wenn ich heute daran denke, dass ich einmal eine Prüfung verschoben habe, weil ich mit meiner Vorbereitung keine Eins vor dem Komma bekommen hätte, kann ich nur den Kopf schütteln.

Eine Pause kann gut tun

Dennoch hatte ich ab und zu ein schlechtes Gewissen – insbesondere, wenn mich andere Kommilitonen oder Familienangehörige fragten, warum ich denn nicht „einfach“ das Studium beendet und mir dann eine Arbeitsstelle gesucht habe. Oft wurde mir auch „empfohlen“ schnell das Studium zu beenden, weil ich doch als verbeamtete Lehrerin „das große Los“ ziehen werde. Ihnen war aber nicht bewusst, dass mich meine Arbeit und der Abstand zur Universität glücklich machten. Nach einer einjährigen Pause und gleichzeitiger Berufserfahrung habe ich auch wieder Lust auf die Bibliothek und die gemeinsamen Kaffeepausen mit meinen Freundinnen. Ich weiß nicht, wie mein Referendariat verlaufen wäre, wenn ich mir diese Pause nicht genommen hätte.

In meinem Freundeskreis gibt es einige Personen, die direkt nach ihrem Bachelor- und Masterabschluss mit einer Vollzeitstelle begonnen haben. So einige von ihnen waren zu Beginn ihrer Tätigkeit glücklich, weil sie endlich nicht mehr finanziell abhängig sind. Aber vielen geht es auch schlecht, weil sie überfordert sind. Überfordert, weil sie von einer Leistungsdruckphase in die nächste steigen. Es ist eben nicht mehr die Universitätsbibliothek, sondern der Arbeitsplatz.

Das Projekt endete vorgestern. Jetzt heißt es: Meine Aufzeichnungen rausholen und mich für die Masterthesis anmelden. Ich fühle mich bereit!

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